Mutti läßt sagen, sie fände es zu lieb von Deinen Eltern, auch an uns gleich zu denken. Sie glaube aber, es sei besser, wenn wir in diesem Jahre von vornherein auf den Plan, zu Euch zu kommen, verzichteten. Selbst wenn Deine Mutter zu den Ferien zurück sein könne, sei ihr doch wahrscheinlich die größte Ruhe nötig. Da wollten wir lieber die Einladung von Onkel Alfred nach Rügen annehmen. Wir seien dort gut aufgehoben und Ihr solltet Euch keinen einzigen Gedanken weiter über die Sache machen.
Liebe Hanni, das ist leicht gesagt, aber es ist schwer getan! In meinem Herzen schreit und heult es laut, wenn ich an all die Seligkeiten denke, die uns verloren gehen. Onkels Wohnort ist gegen Schönfelde ein Loch, und das ganze Rügen kann mir gestohlen werden, wenn ich an Euch denke.
Aber da will ich nun zu Carlyles Heldenfiguren eine neue hinzufügen und mich darstellen als ›Der Held als Backfisch‹! Ich will stumm leiden – nicht klagen –, will Mutter helfen, Ernst trösten, den Onkel erheitern und Max und Moritz klarzumachen suchen, daß ihre Pferde und Borkenschiffe selbst nächstes Jahr noch an ihrem Platze liegen!
Na, nun Schluß! Solange ich hiervon spreche, muß ich Tränen runterschlucken, und das macht mir auf die Dauer Magenschmerzen. Die Hauptsache ist, daß Deine gute, geliebte Mutter wieder gesund wird. Immer Deine Käte.«
***
Für alle unsere Freunde bekam der Sommer ein sehr anderes Gesicht, als sie im vorigen Jahr beim Scheiden gedacht. Frau Gerloff hatte eine langwierige Kur durchzumachen, und ihr Mann besuchte sie von Zeit zu Zeit. Dauernd von Hause fortgehen konnte er wegen der großen Wirtschaft nicht. Hanni war ins Pastorat übergesiedelt, und es interessierte sie über die Maßen, einmal tagelang in dem munteren Kinderkreise zuzubringen. Alle waren entzückt von der plötzlich hinzugekommenen großen Schwester, die viel mehr Zeit und Lust hatte, mit ihnen zu spielen als die verständige, etwas nüchterne Klara. Am allerliebsten beschäftigte sich Hanni mit der Kleinsten, die erst ein Vierteljahr alt war und die reizendsten Versuche machte, ihr Dasein durch Krähen und Lachen zu bekunden.
Aber unfaßlich erschien ihr die Ausdauer und Leistungsfähigkeit der Frau Pastorin. So etwas hätte sie nie für möglich gehalten. Vom frühen Morgen ging es bis in die Nacht. Wenn alle Kinder sauber in den Kleidern waren und ihr Frühstück verzehrten, hatte die Mutter schon ein wirkliches Stück Arbeit hinter sich. Dann begann der Unterricht. Um zehn Uhr schlug Sophie an die große Glocke. Herr Pastor kam mit den Tertianern aus seinem Zimmer, Frau Pastorin, die französische Schweizerin war und alle Sprachstunden gab, mit den großen Mädchen aus der Wohnstube. Meist kamen die beiden kleinen Mädchen vom Schulhause herübergesprungen, wo sie dem Studium der Fibel oblagen, und der zweijährige Bruno, der vor der Küchentür auf dem Sandhaufen gekrabbelt, war selig, nach der langen Einsamkeit wieder einmal mit allen lachen und scherzen zu können. Man ging mit den Butterbroten im Flur und Garten auf und nieder und hätte zu gern auch das Baby in die allgemeine Heiterkeit hineingezogen. Da verstand aber die Frau Pastorin keinen Spaß. Das kleine Heiligtum stand still und nur von fern bewundert in seinem Körbchen unter dem Nußbaum und vergnügte sich mit seinen eigenen Händchen und Füßchen. Nie durften unberufene Hände es herausnehmen und seine Ruhe stören. Es war eben in keiner Weise ein Spielzeug.
Nach dem Mittagessen mußte für ein Stündchen vollkommene Stille sein, darauf hielt der Pastor aufs strengste. Niemand durfte die Mutter stören, die dringendsten Anliegen wurden verschoben. Aber um drei Uhr versammelte sich alles in der Weinlaube hinterm Hause. Nach schnell eingenommenem Kaffee war mit Nähen und Stopfen, Gemüseputzen, Beerenlesen und den vielen anderen nötigen Arbeiten soviel zu tun, daß man gar nicht merkte, wo die Stunden bis zum Abendessen blieben, was der Einfachheit halber alle miteinander um sieben Uhr bekamen. Wer von den Kindern mit Schulaufgaben fertig war, half bei den leichten häuslichen Arbeiten. Tischdecken und Abräumen war das ständige Geschäft der kleinen Mädchen, und Klärchen lag es ob, alle Kinder, bis auf das kleinste, was die Mutter wusch und auszog, ins Bett zu befördern.
Obwohl nun die Mutter immer freundlich und unverzagt von einer Arbeit zur anderen eilte, so entging es doch Hannis aufmerksamem Blick nicht, wie müde sie seit diesem Frühling oft war und wie tiefe Schatten sich manchmal unter ihren Augen zeigten. Als Hanni einmal mit Tante Ida zusammensaß, die sie ab und an in ihrer Einsamkeit besuchte, sprach sie ihre Besorgnis aus, und es fand sich, daß die Tante ganz dieselbe Beobachtung gemacht hatte.
»Wenn doch Frau Pastorin einmal ordentlich ausschlafen, ein paar Tage stillsitzen könnte! – Ich merke manchmal, wie es ihr Überwindung kostet, die Treppe zu steigen. Ihre Füße wollen einfach nicht vorwärts. Wenn es uns nachmittags einmal glückt, über die Zeit alles still zu halten, so daß sie länger schläft als sonst, dann sieht sie nachher ganz anders aus, ordentlich klar aus den Augen. Sie ist, glaube ich, immer müde. Das kann doch nicht gut sein.«