Der Nachmittagspostbote kam gerade und brachte einen langen Brief von Hannis Mutter mit ausführlicher Schilderung ihres Lebens im Sanatorium. Zum Schluß kam die Mitteilung, der Arzt wünsche dringend, sie noch vier Wochen länger als geplant, dort zu behalten und knüpfte daran die Hoffnung auf völlige Besserung. Sie solle von jetzt ab mehr Freiheit genießen, täglich Spaziergänge in den Wald machen. »Wenn man nur nicht so schrecklich einsam wäre!« fuhr sie fort. »Manchmal wünschte ich meine Hanni hierher. Dann aber sage ich mir doch, dies untätige Leben wäre gar nichts für sie. Wenn ich jemand Liebes hätte, der sich auch erholen und ruhen müßte und zu meinen erbärmlichen Kräften paßte!«
Tante und Nichte sahen sich an. Sie hatten denselben Gedanken. Wenn man doch Frau Pastorin dorthin zaubern könnte! Wie sehr würden beide ein solches Zusammensein genießen! Wie würde der abgearbeiteten Frau die Ruhe und Erholung wohl tun!
»Aber sie geht ja sicher nicht weg; wer sollte auch ihre Arbeit tun? Und dann glaube ich, kostet es eine Masse Geld, nicht, Tante? Frau Pastorin ist sehr sorgsam mit jeder Ausgabe – erst gar, wenn es sie selber betrifft.«
Hin und her wurde beraten. Schließlich fand Tante Ida, wie immer, den nötigen Ausweg. Sie setzten sich miteinander in den Ponywagen, der im Schatten der Linden gewartet hatte, und nach einer Viertelstunde war man im tiefsten Gespräch in Herrn Pastors Studierzimmer.
»Ich habe eine große Bitte auf dem Herzen, meine liebe Frau Pastorin. Versprechen Sie mir, sie zu erfüllen, wenn es irgend angeht!«
»Da braucht es wirklich kein Versprechen, denn Sie wissen, nichts würde uns mehr Freude machen. Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, was wir für Sie tun könnten – sonst liegt doch die Sache meist umgekehrt!«
Groß war dann die Überraschung und das Erstaunen, als Tante Ida ihren Plan entwickelte: Frau Pastorin möge auf vier Wochen in den Harz gehen und der leidenden Frau Gerloff Gesellschaft leisten. »Sehen Sie,« erklärte die alte Dame in ihrer lebhaften Art, »eigentlich wäre es ja an mir, meiner lieben Schwägerin beizuspringen. Und wenn es sein muß, tue ich es schließlich. Aber Sie können sich ja vorstellen, was für ein Greuel es mir ist, da so ohne Beschäftigung und ohne meine häusliche Bequemlichkeit, an die ich nun mal gewöhnt bin, zwischen den fremden Leuten herumzusitzen. Und dann mein lahmes Bein! Mit so was bleibt man doch lieber zu Hause, als daß man sich mitleidig und neugierig angaffen läßt. Das ist alles nichts für alte Leute. Sie sind so viel jünger, meine Schwägerin hätte ja auch viel mehr Anregung davon, wenn Sie kämen; denn mich kann sie das ganze Jahr über genießen. Und für Sie wäre es ganz gut, wenn Sie einmal aus allem Alltäglichen heraus wären!
Eins ist ja selbstverständlich: Wenn Sie mir den großen Gefallen tun, die Sache für mich zu übernehmen, so trage ich natürlich Sorge für die Kosten der Reise und des Aufenthaltes. Das Nötige liegt auch längst bereit. Mein Bruder schickte mir vor langen Jahren ein Sümmchen für eine Badereise, trotzdem ich seit meiner Jugend nicht viel Sinn gehabt habe für solche Plantschereien und Einwicklungen. Wenn nun diese Sache besorgt würde, ohne daß ich den Finger danach zu rühren brauchte, so wäre ich ja obenauf. Also, bitte, schlagen Sie ein! Ich habe zu aller Sicherheit schon dies Instrument mitgebracht, um Ihnen keinen Ausweg zu lassen.« Damit legte sie eine kleine, schwere Geldbörse in den Schoß der ganz erschrockenen Pastorin.
Die wollte noch allerhand Einwände machen, aber ihr Mann war so begeistert über den Plan, daß er sie gar nicht zu Worte kommen ließ. Als sie Bedenken äußerte, ob die Kinder und der Haushalt ohne sie auskommen würden, hatte Tante Ida auch die Schwierigkeit bereits ins Auge gefaßt: »Die Ferien sind vor der Tür. Was würden Sie da zu folgendem Tausch sagen: Unsere Hanni möchte gern noch die vier Wochen bei Klärchen bleiben, ›als Stütze der Hausfrau‹. Dafür nähme ich die Tertianer, die müßten in der Ernte – und in den Stachelbeeren – helfen. Solche Jungen sind mein Fall, die verstehe ich gut zu bändigen. Und für den Notfall ist der Vater nicht weit!«
Alles war überlegt, und die überrumpelte Pastorin kam nicht durch mit Gegenvorstellungen. Die ganze Familie schien plötzlich kein anderes Anliegen zu haben, als »sie aus dem Wege zu räumen«, wie sie lachend klagte.