Liebe Käte! Wenn Du uns doch einmal unvermutet überraschen könntest und sehen, wie ehrbar und tugendhaft wir unsere Tage zubringen. Du würdest Deinen Augen nicht trauen! Und wenn Du unsere Hände erblicktest, würdest Du meinen, Du sähest nicht recht. Ja, Käte, es gibt viel zu tun, und wenn man eben denkt: nun ist’s für heute genug, dann kommt das eherne Muß und sagt: Genug ist es erst, wenn alles fertig ist! – Und fertig wird man überhaupt nicht!

Klara ist wirklich schon merkwürdig fix. Und was mir am meisten auffällt: sie tut all ihre Dinge so selbstverständlich! Du und ich, wir hatten immer einen Riesenspaß und Aufstand, wenn wir mal was besorgten. Und nachher wurde es nicht fertig, und Mamsell machte die Sache zu Ende. Hier heißt es: selbst ist der Mann!

Stelle dir vor, wie mir’s gestern ging: Nichts ahnend, wische ich auf Herrn Pastors Schreibtisch Staub und hatte mich nebenbei ein bißchen vertieft in ein Buch, das dort lag. Öffnet Sophie die Tür, naß wie eine Meerfrau von der großen Wäsche, die sie besorgt: ›Fräulein Klara läßt sagen, die Kleine sei so unruhig, wolle auch die Flasche nicht nehmen, da würde Fräulein fürs erste nicht herunterkommen können. Ob wohl Fräulein Hanni so gut wären, das Essen aufzusetzen; eben sehe ich auch, daß Lise und Lotte dahinten bei der Pumpe fürchterlich plantschen. So kann ich nicht gut über den Hof gehen – würden Fräulein Hanni sie wohl da wegschicken?‹

Das war alles sehr schön; ›Essen aufsetzen‹ ist schnell gesagt; aber was? woher? worin? wieviel? Hast Du schon mal Essen aufgesetzt?

Der Sophie mag ich es gar nicht so zeigen, wie wenig ich eigentlich von allem ahne, weil die Kinder hier unglaublich geschickt und anstellig sind, und besonders, weil ich im Anfang sagte und auch selber dachte, die Hauptsache verstände ich bereits. Jetzt erst merke ich, daß mir alles einfach vorkam, weil ich es andere mit so leichter Hand machen sah. – In Wirklichkeit verstehe ich rein gar nichts von der ganzen Geschichte und bin leider, leider Klärchen oft mehr eine Hinderung durch mein ewiges Fragen, als eine Hilfe – wenn sie es auch nicht zugeben will.

Ich ging also hinaus, um die beiden kleinen Unholde von der Pumpe wegzujagen, wo sie mit einem zerbrochenen Zylinder (!!!) Springbrunnen spielten, und nun über und über trieften. Auf dem Rasen ließ ich sie das nasse Schuhzeug ausziehen und zum Trocknen in die Sonne legen, ebenso ihre Schürzen. Dabei fragte ich, ob sie wüßten, welche Bohnen und was für Kartoffeln gekocht werden sollten. – Den Schinken konnte ja Klärchen noch zuletzt abschneiden. – Sie waren sehr froh, ihre Missetat etwas wieder ausgleichen zu können, und rannten in den Keller, von wo sie einen Korb mit Bohnen holten.

›Sophie hat gestern abend gesagt, gleich nach dem Frühstück sollten wir beide sie abziehen. Wir haben’s bloß leider ganz vergessen!‹

›Und die Kartoffeln?‹

›Die werden immer dahinten am Zaun aus der Erde gegraben. Wir können es; dürfen wir sie holen?‹

Ich konnte noch froh sein über ihr Vergehen, denn nun strotzten sie vor Diensteifer. Auch das Schwarzbrotreiben für die Kalteschale verstanden sie – und mit Fallen und Aufstehen und unter allerhand Schwierigkeiten brachten wir ein Mittagessen zustande, nachdem Klara ihren Segen zuletzt noch zu allem gegeben. Was ich aber täglich merke, ist dies: es gehört sehr, sehr viel dazu, bis man all das versteht, was Haushalten genannt wird. Und das will ich gründlich lernen, denn es muß zu fatal sein, das Tun und Treiben der Dienstboten gar nicht übersehen zu können. Denk doch, wie schrecklich unbehaglich es manchmal bei Herders war: Von der abscheulichen Dora ließ Frau von Herder sich alles mögliche gefallen, bloß, weil sie schöne Gerichte kochte, wovon sie selbst keine Ahnung hatte. Und der netten Berta trug sie wirklich oft mehr Arbeit auf, als ein Mensch leisten kann. Ich glaube, sie hatte keine Ahnung, wie lange Zeit jede Sache erfordert. Ich hoffe, daß das dort anders wird, wenn Ilse so weiter macht, wie Du sagst.