»Ja, Vater sagt, wenn wir zur Miete wohnten, so knüpfte uns die Wirtin am ersten Abend alle in der Reihe am Treppengeländer auf!« meinte der kleine, dicke Rolf treuherzig. – »Das möchte ich nicht!«

Käte schüttelte sich vor Lachen: »Nein, das wäre auch greulich!« Aber mit leisem Seufzen dachte sie dann an ihren »unleidlichen« kleinen Bruder Ernst, der so viele trübe Stunden wegen Lärm und Unruhe hatte. – Könnte er so ungehindert spielen, dann wäre sein Leben auch anders!

Für Betrachtungen blieb aber keine Zeit. Unten hatte bereits eins der kleinen Mädchen die Augen verbunden. Es wurde blinde Kuh, Eins, zwei, drei und all die schönen Spiele gespielt. Herr und Frau Admiral saßen vergnügt in der Laube, halfen hier und dort und lachten selber am herzlichsten über jeden lustigen Spaß. Aber als dem kleinen Karl etwas nicht recht war und er den Spielverderber machte, faßte sein Vater ihn mit einem schnellen Griff am Kragen, und ehe er sich’s versah, steckte er in dem niedrigen Verließ, in dem Harken und Spaten verwahrt wurden. Käte meinte, er würde ein schreckliches Geschrei erheben, wie Ernst es so gern tat, aber alles blieb still. Er wußte genau, daß dann das Stöckchen gekommen wäre und die Sache noch viel schlimmer gemacht hätte. Erst am späten Nachmittag wurde er wieder sichtbar und verhielt sich sehr bescheiden im Hintergrund.

Der Höhepunkt des schönen Abends kam, als die kleine Gesellschaft ihre Erdbeeren mit Schlagsahne verzehrt hatte und eben meinte, Abschied nehmen zu müssen. Die breiten Glastüren wurden geöffnet, und da blitzten ihnen von draußen ungezählte kleine Flämmchen entgegen, die wie Glühwürmchen im Grase saßen, wie eine leuchtende Schnur die kleinen Beete einfaßten, an der Laube in die Höhe kletterten und das Häuschen auf dem Tannenhügel zauberisch beleuchteten. Mit einem entzückten »Ah!« wollten die Kinder hinausstürmen. Aber: »Alles in Ruhe!« kommandierte wieder die Donnerstimme des Hausherrn. »Einzeln angetreten – an die Gewehre!« Damit übergab er jedem kleinen Gast ein rotes Papierlämpchen, und mit dem eintönigen Singsang: »Laterne – Laterne!« zog man durch die beleuchteten Gartenwege.

»Aber dies Lied ist doch für heute, für ein Abschiedsfest, viel zu profan! Willi, du als Fähnrich mußt doch wissen, was sich gehört. Hole mal dein Waldhorn!« Das war nun dem schneidigen, jungen Fähnrich eigentlich gegen den Strich – vor den »dummen Mädels« seine geliebte Kunst zu profanieren. Aber er wußte, vor Vater gab es kein Fackeln. Bald stand er in dem Hüttchen und schickte die weichen Horntöne in den stillen Abend hinaus. Ein Lied folgte dem anderen, und als zum Schluß die herzige Melodie von »Morgen muß ich fort von hier« erklang, stahl sich hier und da ein Tränchen über die rosigen Backen. Sie alle fühlten zum erstenmal, was Abschiednehmen heißt. Aber »Soldatenkinder dürfen nicht heulen!« schluchzte Käte, und küßte hastig zum Abschied die Hand der freundlichen Wirtin, der sie und Hanni eben hatten danken wollen für den herrlichen Tag. Vor Weinen konnte sie kein Wort herausbringen, und als der Admiral und Willi nun auch herbeikamen und feierlich Lebewohl sagen wollten, waren die beiden, um ihre Tränen nicht zu zeigen, längst über alle Berge.

Die Gesellschaft ging still auseinander. – Scheiden tut weh!

Als Lena Bunsen ihrer Mutter am nächsten Morgen von den Erlebnissen bei Kählers erzählte und hinzufügte, zu Herders sollten sie in der nächsten Woche auch einmal kommen, da gab es ein großes Hin- und Herreden.

»Ja, wenn sie alle ›etwas‹ geben, darfst du auf keinen Fall zurückstehen. – Wie würde das aussehen!«

»Ja, Mama, dann muß es aber auch ebenso großartig sein, wie bei Kählers, sonst lieber gar nicht!«

»Das ist aber sehr schwierig für uns. Kählers haben eine Villa. Unsere Räume sind doch nicht groß genug für so viel Bewegung.«