Ilse sah sehr ernst und bleich aus. Ich habe sie nachher noch nicht wiedergesehen. Für mich wird das Leben im ganzen unverändert weitergehen. Ich bin Mutti so dankbar, daß sie mir den Wunsch gewährt, gleich ins Seminar einzutreten. Die Arbeit macht mir so viel Freude, und es wird ein reizender Kreis sein, gerade die aus unserer Klasse, die mir die liebsten waren. Nur Ilse darf leider nicht teilnehmen, obgleich sie es glühend wünschte. Ihre Eltern sind ganz empört gewesen über die Idee von einem Mädchen in ihrer Stellung, sich solchen Anstrengungen zu unterziehen. Wie haben wir es gut, die bei den Eltern immer auf Verständnis rechnen können.
Aber ich will heute noch mehrere Briefe beantworten, deshalb schnell ade! Herzlich Deine Käte.«
Ilse an Hanni:
»Berlin, den 22. März.
Meine beste Hanni! Wie lieb von Dir, mir zur Konfirmation zu schreiben. Ich dachte, Du hättest mich längst vergessen, und doch interessiert mich Dein Ergehen besonders. Ich lasse mir oft durch Käte von Dir erzählen.
Du hoffst, daß ich auch so viel von unserem Konfirmandenunterricht gehabt, wie Du. – Ja, ich glaube sogar, daß für mich manches noch eindrucksvoller gewesen als für Dich, die schon zu Hause und auch durch Deinen bisherigen Unterricht ganz vertraut gewesen mit diesen Gedanken. Mir war alles neu. Du erinnerst Dich, wie unser Religionsunterricht in der Schule war – ich habe kaum hingehört.
Daß zu Hause leider nie von Gott und göttlichen Dingen gesprochen wird, weißt Du auch. Nun waren mir die ernsten und tiefen Stunden bei Herrn Pastor Baum wirklich ein Erlebnis, und ich hoffe von Herzen, daß ich das festhalten werde, was er uns mitgegeben.
Leicht wird’s freilich nicht sein. Es schmerzt mich tief, wenn Papa Äußerungen tut, wie die: ›Nun müsse die Kopfhängerei ein Ende haben! Solche Mädchenträumereien hätten ihre Zeit, müßten dann aber vor der Wirklichkeit weichen.‹
Oder wenn Mama so umständlich überlegt, welchen Präsidenten, Generalsfamilien, Vorstandsmitgliedern und anderen Würdenträgern ich nun vorgestellt werden müsse. Mich überläuft’s kalt, wenn ich an all die schönen Stunden denke, die ich da werde versitzen müssen, statt in das geliebte Seminar zu gehen, wo sie lernen und weiterkommen.
Eines Nachmittags wagte ich den kühnen Schritt, mit meiner Not zu Herrn Pastor Baum zu gehen. Aber er redete mir ernstlich zu, Gottes Wege in den für mich gegebenen Verhältnissen zu sehen. Wenn meine Eltern mich, ihre Einzige, einstweilen im Hause haben wollten, so sei es meine Pflicht, alle Kräfte aufzubieten, ihnen eine gute Haustochter zu sein, durch Liebe und Dankbarkeit ihr Leben zu verschönen und nebenher alles zu lernen, was mir möglich wäre. Wenn ich sonst Gehorsam zeigte, würden sie mir dazu sicher Erlaubnis geben.