An einem etwas bewölkten Nachmittag dachte Hanni sich eine rechte Ausruhe zu gönnen und trug ihre Hängematte unter die großen Kiefern am Waldhang, von wo die Alpspitze im Abendschein sichtbar ist. Schon wollte sie enttäuscht weiter gehen, als sie ihr Lieblingsplätzchen besetzt fand, aber mit gewinnender Freundlichkeit lud die Fremde sie zu sich auf die Holzbank. »Liebes Fräulein Gerloff, wie freut es mich, Ihnen einmal sagen zu können, daß Sie mir gar keine Fremde sind. Durch unsere Verwandten in Buchdorf habe ich soviel Liebes von Ihrem Elternhause und von Ihnen gehört, daß es mir eine große Freude war, bei meiner Ankunft von Ihrem Hiersein zu hören. Ihr Gutsnachbar Rantzau ist der Vetter meines Mannes, des Regierungsbaumeister Schack in München,« fuhr sie auf Hannis fragenden Blick fort.
»Ach, der Vater von Hermann Schack, der vor zwei Jahren im Sommer dort war? Das ist ja zu nett! Da hat Ihr Sohn sicher viel von den schönen Hundstagsferien erzählt?«
Ein Schatten glitt über ihr freundliches Gesicht. »Von Hermann erinnere ich mich nicht, viel über den Aufenthalt gehört zu haben. Aber dem machte damals auch wohl gerade sein erstes Examen zu schaffen. Desto mehr erzählte mir meine kleine Nichte, Gertrud von Rantzau, während ihres Besuches im Herbst von Ihnen. Wie allerliebst ist das Mädel geworden! Das hatte ich gerade von der gar nicht in dem Maße erwartet.«
Als die Tischglocke rief, konnten die beiden gar nicht begreifen, wo der ganze Nachmittag geblieben war! Nach dem Abendessen wurden auch Hannis Eltern und Käte in die neue Bekanntschaft hineingezogen, und der Major erfuhr zu seiner Freude, daß Frau Schack am nächsten Tage den Besuch ihres Gatten aus München erwarte.
Das Herumsteigen in den Bergen ohne bestimmten Zweck erschien auf die Dauer dem Landwirt etwas unnötig. Nun war ihm eine verständige Aussprache mit dem vielinteressierten Baumeister hochwillkommen. – Da Frau Schack keine weiten Wege machen konnte, erbot er sich bereitwillig, seinen alten Bekannten von Partenkirchen abzuholen. Aber recht bedenkliche Miene machte er, als seine Gattin, die eben angelangten Postsachen durchsehend, ausrief: »Sieh doch, was für ein Besuch uns morgen bevorsteht: deine Cousine Lucie meldet sich an, und ihr Neffe Felix wird sie heraufgeleiten. Er studiert in München, und sie will ihrem geliebten Paten eine Ferienerholung verschaffen.«
»Nein, was du sagst! Was kommt denn der in den Sinn? Ich denke, sie wollte ihre Nerven an der Ostsee kurieren! Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß sie mit all ihren Tüchern und Umständen hier oben zurecht kommt. Nun, wir wollen das beste hoffen. – Sie müssen wissen, verehrte Frau Schack, meine Cousine ist eine von den Menschen, die täglich ein neues Leiden und Gebrechen betrauern. Aber in dieser freien, klaren Luft mag das alles ja besser werden! Was meint ihr, Mädels, kommt ihr mit, sie heraufzuholen?«
Beide versprachen gern ihre Hilfe, und am anderen Tage wanderte eine fröhliche, kleine Karawane den Berg hinunter.
»Käte, was willst du mit deinem Rucksack machen?« fragte Hanni erstaunt.
»Man kann nie wissen, wozu man ihn braucht. Ich dachte, vielleicht richtet Tante sich auch unpraktisch mit ihrem Gepäck ein, wie das reizende alte Fräulein aus Dessau, das abends mit dem Federhut zu Tisch ging und zum größten Schreck der Anwesenden früh den nächsten Morgen mit demselben Hut ›aus dem Bett kam‹, wie der Student meinte. Es war bloß, weil die Esel ihre Haubenschachtel nicht mehr tragen konnten.«
Kätes Ahnungen hatten sie nicht betrogen. Aber wenn sie unpraktische Einrichtungen befürchtet hatte, so übertraf doch das, was ihnen auf dem Bahnhof bevorstand, die kühnsten Erwartungen. Schon von weitem sah man hinter einer lebhaft gestikulierenden kleinen Dame einen Kofferträger keuchen unter der Last eines riesigen Korbkoffers, dessen Schätze hinter einer schweren Eisenstange und zwei Vorlegeschlössern sicher geborgen waren. Außer dieser Last schleppte er in der einen Hand eine große lederne Tasche, auf deren Vorderseite ein Sechzehnender aus Perlen auf grünem Grunde gestickt war. Im anderen Arm trug er eine gehäkelte Plaidhülle, aus der verschiedene Sonnen- und Regenschirme hervorsahen, und eine umfangreiche Hutschachtel.