Aber jetzt erreichte die allgemeine Verwirrung ihren Gipfel. In elegantester Reisetoilette, sein Monokel lässig fallen lassend, trat ein junger Herr näher, begrüßte die Anwesenden mit feierlichen Verbeugungen und befahl dem Dienstmann, der einen messingbeschlagenen Schiffskoffer geschickt balancierte: »Nach dem Berghospiz expedieren.«
Alle sahen einander verblüfft an. Als aber der Dienstmann mit einem verschmitzten Gesicht fragte: »Wie soll er raufgeschafft werden, junger Herr?« da war es um Kätes Fassung geschehen. Es war ein Glück für sie, daß alle Blicke noch immer mit dem unglückseligen Gepäck beschäftigt waren.
»Ach, mein lieber Felix!« rief der Major, »hätte Sie wahrhaftig kaum wiedergekannt – riesig gewachsen! Nett von Ihnen, die gute Tante herzubegleiten! – Aber nun erst einen Schlachtplan! Ich schlage vor, wir nehmen alle dort in der Vorhalle bei einer gemütlichen Tasse Kaffee Platz; man kriegt Durst bei der staubigen Fahrt, nicht wahr, Cousinchen? Und nun mal ein vernünftiges Wort: wie ist es denn mit Ihren Gehwerkzeugen bestellt? 1½ Stunden sind’s nur, und der Weg ist jetzt sauber, können Sie’s wohl machen?«
Die Tante, die sehr wohlauf war, und der daran lag, als gute Touristin zu gelten, erklärte: »In den Bergen wolle sie viele Stunden klettern. Nur so auf der Landstraße, das sei ihr zuwider. – Aber wenn es hier Sitte sei – –«
»Gut. Nun aber das Gepäck. Könnte es nicht so eingerichtet werden, daß die wirklich unentbehrlichen Sachen zusammengepackt würden und die Arche Noah hier friedlich auf dem Bahnhof bliebe?«
Die Ärmste geriet außer sich. Vierzehn Tage waren ihre beiden Näherinnen am Werke gewesen, um ihre ganze Garderobe elegant und modern herzurichten. Wie selten gab es in Parchim Gelegenheit, Toilette zu machen. Höchstens bei dem Diner, das ihr Bruder, der Rittmeister, jeden Winter gab. Nun hatte sie einmal zeigen wollen, daß man in Mecklenburg nicht in der Kultur zurück sei. Und ihre Freundin hatte ihr doch erzählt, im vorigen Jahre sei nicht nur eine Gräfin oben gewesen, sondern sogar eine Hofdame aus Hessen-Nassau! Da mußte man doch ordentlich auftreten! – Ach, was sollte sie bloß tun! Und dies alberne Ding, die Käte, kicherte noch immerzu! Wie sah das Mädchen überhaupt aus mit ihrem Handwerksburschensack auf dem Rücken!
Hanni war ein vernünftiges Kind. Mit ihr ging sie in einen verschwiegenen Winkel. »O Hanni, que faire – quel malheur, ma chérie.«
»Liebes Tantchen, höre zu: Du hast ein hübsches Reisekleid an –«
»Findest du, Herzchen?« fragte die durch solche Anerkennung Neubelebte, und strich wohlgefällig die Falten glatt und zupfte einige Schleifen zurecht. »O ja, es geht noch wieder! Es ist gekehrt und ganz neu aufgearbeitet.«
»Ich wollte nur sagen, wenn du dir außer diesem für Regentage ein schlechteres einpacktest und dann Nachtzeug usw. – –«