Und nun nachträglich allein, das wäre noch schlimmer. Sie mochte nicht umkehren und blieb auf ihrem versteckten Plätzchen, bis die Dämmerung hereinbrach. Dann stahl sie sich ungesehen von der Seite ins Haus; wäre nun aber in der Eile und geblendet von der plötzlichen Helle fast zusammengerannt mit den Münchener Freunden, die eben dem Neuangekommenen sein Zimmer zeigen wollten.

»Ach, grüß Gott, Fräulein Hanni! Gelt, meine Heimat ist auch schön?«

Alle dumme Verlegenheit war vergessen; herzlich schlug sie in die dargebotene Rechte, und das warme Gefühl von Vertrauen legte sich ihr wieder ums Herz, das diese Stimme vom ersten Augenblick an in ihr erweckte.

***

Warum hatte die Sonne noch nie so hell geschienen, wie an den nun folgenden Tagen, das Heu noch nie so süßen Duft ausgeströmt, die klaren Wasser noch nie so melodisch gerauscht, die Ferne noch nie so verführerisch gelockt? Hanni dachte nicht viel darüber nach, sondern überließ sich der beglückenden Gegenwart ohne jeden Rückhalt. Sie fühlte keine Ermüdung, wie früh morgens auch die Wanderungen begannen. Und wenn am Abend der Mond seinen flimmernden Schein über die Wiesen ergoß, dann bedurfte es eines elterlichen Machtspruchs, um die junge Gesellschaft überhaupt zur Ruhe zu bringen.

Aber auch »die ältesten Leute« gaben zu, einen solchen August noch nicht erlebt zu haben.

An einem strahlenden Nachmittag kam der stets beschäftigte Student Eisen mit eiligen Schritten den Fußweg vom Bauernhaus herauf: »Was für ein Glück, Herr Schack, daß Sie hier so zu Hause sind! Denken Sie, die beiden Führer, die Majors für die Zugspitze bestellt hatten, telephonierten eben ab. Sie wären für einen Krankentransport bestimmt, da müsse alles andere zurückstehen. Aber Frau Dr. Kähler hat den ihren sicher, und der Burgerhannes vom Bauernhaus will mitkommen. Wenn dann Sie die dritte Stelle übernehmen, so ist doch wohl aller Vorsicht Genüge getan! – Wie oft waren Sie doch oben?«

»Fünfmal, glaube ich, und an den schwierigen Stellen ist mir jeder Fußbreit bekannt. Ich habe den Weg gefunden, als vor Schnee kein Drahtseil zu sehen war. Jetzt bei dem klaren Wetter hat’s gar keine Gefahr! Nicht wahr, Herr Major, Sie vertrauen uns beiden die Führung Ihrer jungen Damen an? Den Hannes habe ich als einen durchaus zuverlässigen, ruhigen Menschen kennen gelernt, und ich für mein Teil bürge dafür, daß nichts Unvorsichtiges geschieht.«

Nach ernstlicher Beratung, der die jungen Mädchen mit nur mühsam verhaltener Sorge zugehört hatten, wurde der Aufbruch der kleinen Gesellschaft für drei Uhr früh festgesetzt. Man wollte gern an einem Tage auf dem Gipfel sein, dort übernachten und am folgenden Tage den Heimweg antreten. Alle wußten, daß dies eine Leistung nur für ganz tüchtige Bergwanderer war, und gerade das reizte den Eifer. Jede Kleinigkeit an den Vorbereitungen wurde mit der Sorgfalt gemacht, die einer Nordpolfahrt würdig gewesen wäre, und früh ging’s zur Ruhe, um die nötigen Kräfte zu sammeln. Eben vorm Schlafengehen schlüpfte Hanni noch einmal zum Abschied in ihrer Mutter Zimmer, wußte sie doch, daß es der Teuren einen wirklichen Entschluß gekostet hatte, ihre Erlaubnis zu geben. »Ich verspreche dir fest, vorsichtig zu sein und gar nichts Waghalsiges zu tun! – Und Herr Schack paßt ja auf, der so genau Bescheid weiß!« fügte sie hinzu und verbarg ihr Erröten an der Schulter der Mutter, die sie innig umarmte.

»Ja, Liebling, ich habe auch keine Angst. Gott ist mit euch. Aber wenn ihr wieder da seid, will ich doch froh sein.«