O, das Wonnegefühl, mit der Sonne um die Wette emporzusteigen, eine Höhe nach der anderen unter sich zu lassen, immer neue Rundblicke, immer freiere Fernsicht! Berückend ist es!
Und wenn der Durst sich meldet, an dem springenden, plätschernden Bergquell zu rasten, der seinen strömenden Reichtum unversiegbar hergibt – immerfort und immerfort! Wieviel Gleichnisse sind an solche Quelle geknüpft worden, wieviel ist über ihre Unerschöpflichkeit gedichtet! – Ganz kennt nur der sie, der an so einem himmlischen Morgen, die Glieder ins weiche Moos gestreckt, ihrer klaren Stimme gelauscht hat und bis ins Herz erquickt ist von ihrer kühlen Frische.
Als die Wanderer sich gründlich gestärkt und ausgeruht hatten, ging’s mit neuer Freude voran. Die Sonne brannte schon heißer, aber was machte das aus, wenn man soviel Überschuß an Kräften hatte!
»Jetzt kann ich Ihnen klarmachen, was Sie für mich sind,« sagte Hermann zu der vor ihm auf dem schmalen Fußpfad hinwandernden Hanni, die so leicht und sicher ging, als wäre Mühe ihr etwas Unbekanntes. »So leer und durstig nach allem Guten war ich, bevor wir uns kannten. Sie sind für mich Erquickung und Leben, wie die frische Quelle für den Verschmachtenden.«
Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, der Weg war schmal, und man mußte acht geben auf die steilen Abhänge.
Als man eine der unwegsamsten Stellen ohne jeden Zwischenfall passiert hatte, sagte der Student eifrig: »Die Damen steigen ganz großartig, wir müssen wirklich den Abstieg übers Höllental nehmen, dann kommen wir eher heim und können doch nachher mitreden.«
Käte stimmte begeistert zu und auch die übrigen waren für den Vorschlag. Nur Hanni sagte nichts, und als sie später eine Gelegenheit fand, mit ihrem Begleiter allein zu sprechen, vertraute sie ihm an, daß es ihr schrecklich peinlich sei, den Kameraden den Spaß zu verderben, und daß auch sie selber – dazu kannte er sie genug – für ihr Leben gern das Abenteuer bestanden hätte. »Aber ich darf’s nicht mitmachen, ich habe Mutti extra versprochen, nichts Waghalsiges zu unternehmen!«
»O, das ahnte ich ja nicht, bitte, verzeihen Sie mein Zureden! Ich bin wohl fest überzeugt, daß wir Sie sicher über die Klippen brächten, sonst hätte ich ja nicht zugestimmt. Aber wenn’s Ihnen gegen das Gewissen geht, so unterbleibt es selbstverständlich.«
Ihr dankbarer Blick war ihm reichlicher Ersatz für die erhoffte Kletterpartie, und im besten Einvernehmen erreichte die kleine Gesellschaft das Ziel und genoß begeistert den klaren, wunderbaren Rundblick und auch von Herzen das kräftige Mahl, das alle redlich verdient zu haben meinten. Nach gründlicher Mittagsruhe saß man wieder friedlich zusammen, blickte in die Ferne und machte sich auf besondere Schönheiten aufmerksam. Dabei wurde gemütlich über Ernstes und Heiteres geplaudert.
Etwas verspätet gesellte sich die junge Doktorsfrau zu den übrigen; da rief der Student ihr schon von fern entgegen: »Sie müssen entscheiden, Frau Doktor, Ihre Lebenserfahrung reicht doch noch weiter als die unsere, was etwas sagen will: Fräulein von Platen behauptet hier, wirkliche Liebe sei völlig unabhängig von allen äußeren Zutaten. Wenn sie zum Beispiel einen Schornsteinfeger lieb hätte, so würde nichts sie zurückhalten, ihm die Hand zu reichen; – ich meine nicht bloß, ohne Angst vor schwarzen Fingern, sondern fürs Leben!«