20. Kapitel.
Im Regen und im Sonnenschein wachsen die blauen Blümelein.
So herrlich nun auch die Wanderungen in Sonnenschein und Waldesduft waren, allein mußte es doch nicht die Pracht des Sommers sein, die die jungen Herzen in ihrem Banne hielt.
Als schwarzes Gewölk sich auftürmte und dumpfer Donner über die Berghäupter hinrollte, meinte man, dies Schauspiel sei doch das Allergroßartigste. Und als die zuckenden Blitze und prasselnd niederfahrenden Schloßen, die man nicht müde werden konnte, von der Galerie aus zu beobachten, nicht mehr die Blicke fesselten, sondern ein Landregen sich fest und breit niederließ und alles in seinen grauen Sack steckte, so daß man nicht die nächste Tannenwand mehr sah, viel weniger irgend einen Berg, da entdeckte man auf einmal den über alle Maßen molligen Winkel im Wohnzimmer. Jeder fand sein festes Plätzchen auf der Eckbank zwischen den Fenstern. Man vertiefte sich in Studien aller Art, und im leisen Flüsterton, um die Schreibenden an den übrigen Tischen nicht zu stören, teilte man die schönsten Stellen einander mit.
Gibt es einen heimlicheren Zauber als diese unausgesprochene Gemeinschaft bei gleicher Arbeit, während die lautlose Stille das Gefühl der inneren Nähe noch vertieft? Das leise Knistern und Knacken im Kachelofen läßt die Ruhe umher nur um so größer erscheinen.
Wie in den vorigen Tagen die blaue, dunstige Ferne immer stärker gelockt hatte, wie man immer weiter hinaufgestrebt, je mehr Klippen man schon überwunden – ebenso bemächtigte sich jetzt der Jugend das unendliche Verlangen, immer tiefer einzudringen in die Schönheiten der Poesie, des Wissens und Erkennens, die sich ihnen beim Lesen auftaten. Hermann Schack hatte seine Universitätsjahre gut genutzt. Wenn er den Verkehr mit Altersgenossen fast zu wenig gesucht hatte, so war ihm desto mehr Zeit geblieben, neben seinen Fachstudien Literatur aller Art kennen zu lernen. Nun war es für die wissensdurstigen Mädchen eine wahre Wonne, ihm zuzuhören, wenn er vorlas oder erzählte. Und immer hatte er etwas Interessantes bei der Hand; wo er es herschaffte, war oft das stille Erstaunen der übrigen. – –
Triefend vom Regen, kam Hanni am Nachmittag von kurzer Wanderung zurück mit einem Strauß von Kiefernzweigen und Enzian, den sie ins Wohnzimmer brachte.
»O, wer doch diese Farben festhalten könnte!« rief Hermann aus, »wie würde so ein Bild einem in öden Zeiten den Sommer vorzaubern! – Fräulein Hanni, haben Sie gar nicht mehr gemalt seither? Wissen Sie noch das Glockenblumensträußchen?«
»Gewiß, sie malte oft und hätte alles Nötige hier!« verriet Käte. Und obwohl es Hanni erst ein wenig widerstrebte, ihre heimlich geliebte Kunst fremden Blicken auszusetzen, so überwanden die drängenden Bitten doch schnell die Scheu, und bald glühten die Wangen vor Eifer, als sich leichter und sicherer, als es je geschehen war, die zarten Farben und Formen in vollster Naturtreue von dem dunklen Grunde abhoben.
O, es war beglückend, wie schnell der Pinsel die rechten Farben fand, wenn ein so verständnisvolles Auge jeder Bewegung folgte! Das war Zusammenarbeiten! Er sah jeden leisesten Schatten – sie folgte mit Freuden jedem kleinen Winke.
Wie anders leuchtete alles, wenn vier Augen es betrachteten, wie süß war es, leicht und sicher das in Farben wiedergeben zu können, was der andere andeutete. Nie hatte sie eine solche Seligkeit des Schaffens empfunden, nie waren Stunden so dahingeflogen.