Es gibt nichts, was mehr eint, als dies völlig gemeinsame Empfinden auch in allen kleinen Dingen. Was eins fühlt, spricht das andere eben aus, – was eins wünscht, tut das andere bereits! Ach, wenn doch der Zeiger der Uhr stillstehen wollte! Nur kein Ende dieses beglückenden Zusammenseins!

Um das Herz nicht allzu weich werden zu lassen, stieg dann ein plötzlicher Übermut in dem gesunden Sinn des Mädchens in die Höhe.

Ganz angetan von der durchsichtigen Klarheit der blauen Blütenblätter beugte sich Hermann über das vollendete Blatt, – da focht es sie an, einen kräftigen Unsinn an den Rand zu kritzeln. »O nicht doch, Sie verderben es ja,« rief er erschrocken aus und zog ihre Hand zurück. Aber dann ließ er sie nicht sogleich wieder los, und bei dieser warmen Berührung fuhr es ihr wie ein brennender Stich durchs Herz. – Ihre freudige Sicherheit war ganz dahin, ein dunkler Flor legte sich vor ihre klaren Augen, und als sie später – sie wußte nicht, wie sie hinaufgekommen – in ihrem Stübchen allein war, ließ sie den Kopf in beide Hände sinken und schluchzte bitterlich. – Es war doch nichts geschehen? – Sie kannte sich selbst nicht.

Was für ein Glück, daß Käte nie etwas von ihren unbegreiflichen Schwankungen merkte, und immer dasselbe harmlose, lachende Gesicht zeigte – daß sie auch jetzt schon schlief wie ein Murmeltier!

Oder empfand die feinfühlende Freundin, daß jeder Beweis von Mitgefühl hier nur verletzen konnte, wie das Anrufen eines Schlafwandelnden?

Anderen Tags nach dem Mittagessen schlug der Hausherr an sein Glas: »Da der Regen heute sicher nicht aufhört, mache ich den lieben Gästen den Vorschlag, um vier Uhr im Wohnzimmer zusammenzukommen, um ein wenig zu plaudern. Ich dachte etwas von meinen Erlebnissen im Kriege 1870/71 zu erzählen, und Freund B. verspricht uns einen kleinen Bericht aus der Berliner Stadtmission.« Alle waren hocherfreut über die Aussicht, und pünktlich fanden sich fast sämtliche Gäste ein, um den interessanten Berichten zu lauschen.

Als der Hausherr geendet, wandte er sich in seiner humorvollen, freundlichen Weise der Ecke zu, wo die Jugend auf der Holzbank um den viereckigen Tisch saß: »Nun heißt es aber auch von Ihnen, nicht nur genießen, sondern etwas leisten! Wer hat einmal ein wirkliches Abenteuer erlebt, das er uns erzählen könnte? Freiwillige vor!«

Käte wies mit verhaltenem Lachen auf Felix und flüsterte: »Herr von Alten kann sicher eins berichten, davon sind wir Zeugen!«

Aber der Hausherr stand dem Empörten bei seiner Abwehr bei, indem er begütigend sagte: »Es war sehr merkwürdig, aber wir kennen es schon!«

Der junge Mediziner, dessen munteres Wesen jeder gern hatte, erhob sich ein wenig von seinem Sitze und sagte: »Wenn die Herrschaften es hören mögen, könnte ich ein kleines Erlebnis von meiner Herreise erzählen, was mich selber vollständig in eine Fabelwelt versetzte. Ich wußte nicht, wohin ich geraten war und was mit mir geschah.«