Alle baten, zu erzählen, und der Student begann: »Ich weiß nicht, wie genau die meisten der Herrschaften mit dem studentischen Dasein vertraut sind. Man führt ein merkwürdiges Doppelleben: Auf der einen Seite sollen die nötigen Kenntnisse herbei – auf der anderen muß man mit seinem Wechsel auskommen. Mich hat bald die eine, bald die andere Seite in eigentümliche Schwierigkeiten verwickelt. – Das letzte Semester in Halle war’s mit dem Studium ganz leidlich gediehen – und was das andere anbetraf, so hatte ich aufs genaueste meiner Mutter Weisung befolgt, durchaus nichts zu erwerben, ohne es bar zu bezahlen. Die Folge davon war aber, daß Mitte Juli meine Börse schon sehr mager wurde und ich anfing, mein Augenmerk auf die vegetarische Küche zu lenken. Da brach an einem unentbehrlichen Kleidungsstück eine Katastrophe herein, und damit wurde meine Lage derart beklommen, daß die Universität für mich allen Reiz verlor und ich auf Heimkehr sann.
Nun gibt’s eine grausame Bestimmung – verzeihen Sie, Herr Professor, aber es ist grausam –: ›Der Student bekommt seinen Abmeldungsschein vor dem Schlußtermin am 4. oder 6. August nur, wenn eine ganz besondere Veranlassung da ist.‹ Die lag bei mir wahrhaftig vor, aber das Herkommen verbot, sie dem Rektor genauer zu schildern. Deshalb griff ich zu dem schlimmen Mittel, eine halbe Wahrheit anzugeben. Ich sagte: ›Mein Onkel, Superintendent S. im Fichtelgebirge, feiert am 1. August silberne Hochzeit, und ich muß dorthin!‹ Ich mußte in der Tat hin, denn mein Magen war bereits eingeschrumpft von selbstgekochter Hafergrütze, die seit acht Tagen mein Mittagessen ausmachte. Und Silberhochzeit ist auch wirklich am 1. August, nur nicht in diesem Jahre. Da konnte ich nicht helfen! Der Rektor sah mich prüfend an und gab mir das Testat.
Für die paar Stationen 4. Klasse hatte ich wohlweislich das Nötige zurückgelegt. Meine brave Wirtin, die einen Blick hat für die wirtschaftliche Lage ihrer Klienten, gab mir ein paar tüchtige Butterschnitten mit, und so begab ich mich seelenvergnügt auf die Reise, rosige Hoffnung an die gute Küche meiner Patentante und an die Freigebigkeit meines Onkels knüpfend. – Freilich, daß er mich sogar hierher schicken würde, ließ ich Glückspilz mir nicht träumen.
Als die Bahn mich soweit befördert hatte, daß ich den weiteren Weg in einer Tagereise zu Fuß machen konnte, stieg ich aus und genoß aus tiefster Seele den unvergleichlichen Sommertag in den wundervollen, ausgedehnten Fichtenwäldern. Ich fühlte mich wie neugeboren, so kräftig und erfrischend war die reine Bergluft, und mit Entzücken sahen meine Augen die prächtig gewachsenen grünen Tannen. Dabei muß ich mich wohl zu sehr in Bewunderung vertieft haben, denn auf einmal fand ich den rechten Weg nicht mehr, und nun zog sich das Hin- und Hersuchen so in die Länge, daß ich von Herzen froh war, endlich am späten Nachmittag menschliche Stimmen zu vernehmen. Eine gewaltige, ritterliche Erscheinung trat mir zwischen den hohen Stämmen entgegen, die mir ganz zu deren stolzem Wuchs und diesen ernsten Höhen zu gehören schien. – Aber die Stimme klang freundlich und wohlwollend, die nach meinem Begehr fragte; und als es sich zeigte, daß ich im höchsten Grade ›auf den Holzweg‹ geraten war, da bot der Fremde mir in der gewinnendsten Weise an, bei ihm zu übernachten, ›er hätte einen kleinen Besitz hier in der Nähe‹. Jetzt erst spürte ich, wie groß Müdigkeit und Hunger allmählich bei mir geworden, und war von Herzen froh, in einer Försterei oder dergleichen ein Nachtlager zu bekommen – wenngleich mir bisher keine Forstbeamte von so imponierender Erscheinung begegnet waren. Aber man lernt ja immer Neues kennen.
Wer beschreibt nun meinen Schreck, als der kleine Jagdwagen in ein breites, vornehmes Hoftor einbiegt und vor der Rampe eines altertümlichen Schlosses hält, aus dessen tiefer, gewölbter Halle ein stattlicher Diener in einer fremden Livree uns entgegeneilt! Auf ein paar leise Worte meines rätselhaften Gastfreundes, bemächtigt sich der Führer mit zwingender Gewalt meiner erschrockenen Persönlichkeit. Es geht Treppen auf, Stufen nach rechts, durch hohe Gewölbe, deren mehr als klafterdicke Wände und fremdartige Einrichtung von vergangenen Jahrhunderten und fernsten Erdteilen reden, schmale Gänge hinab, an Kaminen, Gemälden, Blattpflanzen, alten Rüstungen, seltenen Teppichen, geschnitzten Truhen, altertümlichen Schränken und seltsamen Kupfer- und Zinngeräten vorbei, daß mir schwindelte und ich den Eindruck bekam: ›Hier findest du dich im Leben nicht wieder heraus, du bist verhext!‹ – Aber mein Begleiter zerstreute meine Befürchtungen, indem er durch Anwendung von vielerlei Bürsten und warmem Wasser meinem äußeren Menschen aufzuhelfen suchte. Sollte er die Absicht haben, mich hier lebendig einzumauern oder sonst verschwinden zu lassen, so würde er nicht so heißes Bemühen an meine Verschönerung verwenden. Dabei wußte er sein sicher vorhandenes Befremden über einen solchen Gast unter unerschütterlicher Ruhe zu verbergen. – Sollte ich nun alles drangeben und fragen, wo ich sei, oder sollte ich noch eine Weile die Ungewißheit ertragen, um den Preis, nicht als Vagabund angesehen zu werden?
»Die Herrschaften gehen jetzt zu Tisch,« sagte der noch immer mit den Bürsten Beschäftigte mit vollendetem Gleichmaß, was weder Verachtung noch Abscheu gegen meine mangelhafte äußere Erscheinung aussprach. »Darf ich den Herrn hinaufführen?«
Wieder ging’s die Treppen entlang, durch Gewölbe her, über Teppiche und Matten. Ich hatte nie dergleichen gesehen, viel weniger so mitten im Fichtelgebirge erwartet. Als ich aber der Schloßfrau vorgestellt wurde und sie vor dem Modell eines großen, schönen Schiffes stehen fand, konnte ich mein Erstaunen nicht länger bemeistern und platzte los: ›Ich bitte tausendmal um Verzeihung, aber bevor ich mich setze, muß ich wissen, wo ich bin und bei wem!‹ Ein herzliches Lachen war die Antwort, und nun erfuhr ich, daß mein gütiger Wirt eigentlich Seemann sei – Admiral – und mit seinem Fürsten viele Jahre in Sturm und Wellen die Welt durchzogen hätte. Auch jetzt sei es ihm trotz grauer Haare nicht immer vergönnt, in Frieden auf seinem schönen Familiensitz zu leben, sondern alljährlich riefe des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr ihn hinaus zum hohen Norden des Reiches.
Viel erzählte der welterfahrene Mann von Menschen und Erlebnissen und noch viel mehr hätte man hören mögen. Aber das schönste war, wie er am kommenden Morgen mir selber das Geleit gab über die nächsten Berge. Auf einer Höhe mit herrlichstem Blick in alle Ferne zeigte er mir ein Waldhäuschen, das in seiner verschwiegenen Einsamkeit und Traulichkeit mich fast noch mehr entzückte als das Schloß unten.
›Wer hier, von aller Welt entrückt, hausen könnte, und seine Forschungen machen,‹ entfuhr es mir, ›das müßte etwas Rechtes werden!‹
›Ja,‹ antwortete mein Führer, ›wenn Ihre Forschungen hier oben eine Quelle entdecken, daß wir Wasser bekommen, dann dürfen Sie zum Lohn einen ganzen Sommer dableiben und zehn dicke Bücher schreiben!‹