Ihr Gegenüber schwieg noch immer; da, wohl im Bestreben, ihn zum Reden zu bringen, fuhr sie fort: »Ich denke, wenn Sie so allein an stillen Abenden in Ihrer einsamen Behausung sitzen, müssen die vielen Kindergesichter zu Ihnen auf Besuch kommen, denen Sie die Schuljahre hell und freudig gemacht haben. Wenn man die Kinder lieb hat, das spüren sie aus allem heraus.«
Der alte Herr neigte still den Kopf. »Es kommen auch wohl andere,« sagte er. »Es sind nicht lauter frohe Augen, die mich ansehen. Ich hätte wohl Lust, Ihnen etwas zu erzählen, das noch jetzt hier und da Macht hätte, mich zu bedrücken, wenn ich nicht wüßte, daß unsere Fehler mehr als alles andere die Sprossen sein sollen, an denen wir emporsteigen dem Bilde nach, das wir erreichen wollen.«
Seine alte Freundin reichte ihm nur herzlich die Hand hin. Dann begann er in einer etwas zögernden Sprechweise, die ich heute noch wohl vernehme, so, als müsse er Wort für Wort aus dem tiefen Schacht seines Gemütes heraufholen: »Das war in meinen sogenannten besten Jahren. Sie wissen es ja, ich bin immer allein gewesen, seit zuerst meine Mutter und dann die liebe Gestalt, die mit mir zu zweit hatte sein wollen, aus dem Leben gegangen war. Von da an gehörte all meine Kraft und auch das, was ich Liebe nannte, meinem Amt. Ich wollte ein guter Schulmeister sein, und vielleicht bin ich es in mancher Hinsicht auch gewesen; ich weiß es wohl, einige hielten mich dafür. Denn ich hatte eine Gabe mitbekommen, die Kinder frisch und kräftig anzufassen und sie, auch die langsameren unter ihnen, so es irgend möglich war, mitzureißen. Ich selber war damals nicht so übel mit mir zufrieden.« Er lächelte still. »Das ist für uns Menschen immer ein etwas gefährliches Stadium, aber solange es währt, fühlt es sich sehr behaglich an. Ich hatte, solange es etwas Grünes und Buntes draußen gab, täglich die Hände voll Blumen nach Hause zu tragen, und ich mußte auch selten allein gehen, es drängte sich immer eine kleine Gesellschaft von Buben und Mädchen um mich. Das tat mir wohl, es war mir ein Ersatz für eigenes Familienglück. Allerdings, nach denen, die dabei nicht mitgingen, sah ich mich nicht besonders um; sie mochten es halten, wie sie wollten. In der Schule, so schien es mir selber, da war ich unparteiisch und gerecht – ach ja, gerecht. –
Ich war damals an der Schule einer halb ländlichen Vorstadt und hatte Kinder von zehn bis zwölf Jahren vor mir in den Bänken sitzen. Es waren sehr verschiedene Elemente unter ihnen: kräftige, gut genährte und sauber gekleidete Bürgerkinder, Kinder von niederen Beamten, Briefträgern, Straßenbahnschaffnern und viele Fabrikarbeiterskinder. Man konnte an ihnen allen etwas von dem Elternhaus sehen, aus dem sie herkamen, konnte sehen, ob sorgliche Mutterhände ihnen das Haar glatt gestrichen und die Kleider geflickt hatten. Man sah auch mehr; es waren taghelle, frische Kindergesichter dabei, die kamen wohl aus freundlichen, fröhlichen Heimstätten, und es gab gleichgültige, scheue, gedrückte Kinder, denen es ersichtlich an Sonne und Liebe fehlte. Ich weiß wohl noch, ich dachte damals oft, in meiner Schule sollte es sonnig sein, und ich wollte dazu tun, was ich könnte. Aber das echte Liebhaben ist eine feine und eine schwere Kunst, und mancher lernt es nur unter Schmerzen, Schmerzen, die er zufügt, und Schmerzen, die er trägt.
Es kam einmal ein Kind zu mir in die Schule, ein Mädchen, ein mageres, bleiches Dinglein, lang aufgeschossen für seine elf Jahre. Es hatte auf den ersten Blick gar nichts Anziehendes, auch die Augen lagen ihm für gewöhnlich in etwas tiefen Höhlen.
›Schlecht gepflegt und matten Blutes und Geistes,‹ dachte ich. Doch mußte es mir hier und da auffallen, daß das Kind irgendeine sonderbare Antwort gab, die vielleicht vom Pfad des rechten Schulwissens abwich, aber dafür von etwas wie eigenen Wegen redete, auf denen der junge Geist ins Leben dringen wollte. Dann war allemal das graue Gesichtlein auf Augenblicke von einem dunklen Rot überflammt, aber es ging immer schnell vorüber. Rechnen, das war ja freilich ein Hauptfach in der Schule, aber rechnen konnte Elisabeth gar nicht; es half alles nichts. Ich meinte langmütig zu sein, ich kam mir selber fast übermäßig geduldig vor, aber manchmal, wenn sie mich so gar unerhellt aus den hilflosen Augen anschaute, drehte ich mich doch verzweifelt auf dem Absatz herum und sagte zu den andern: weitermachen; dies hier ist hoffnungslos. Dann sahen wohl die andern mit schlecht verhehlter Verachtung auf ihre Genossin hin, von der sich allmählich die Sage bildete, daß sie rettungslos dumm sei.
Das ging fast ein halbes Jahr lang so hin. Von den häuslichen Verhältnissen des Kindes wußte ich nichts, fragte auch nicht danach. Es waren vierzig Augenpaare, die aus den Bänken heraus auf mich schauten, und dies hier, ich muß es gestehen, war keins von denen, die mich besonders interessierten. In dieser Zeit lag hier und da irgendeine Rarität auf meinem Pult, ein merkwürdig gezeichnetes Schneckenhäuschen, ein weißgebleichtes Vogelknöchelchen, ein Stück Baumrinde mit silberig schimmernden Flechten daran.
Ich fragte wohl danach, wer mir das hingelegt habe, ich ließ meine Augen, als ich keine Antwort bekam, über die Kindergesichter hingehen, um dort eins zu finden, das schelmisch oder verlegen sich niederbeuge. Aber sie sahen mich so kecklich an, manche mit Lachen, und versicherten, daß sie es nicht gewesen seien und daß sie ›solches Zeugs‹ auch nicht aufheben würden. Nach Elisabeth sah ich nicht besonders hin; nur einmal bemerkte ich, daß sie stark mit den Augen blinzelte, wie sie das hier und da tat, wenn sie in großer Verlegenheit wegen irgendeines Nichtkönnens war. Aber es fiel mir nicht ein, daß sie es gewesen sein könnte, die mir die schüchternen Gaben in Heimlichkeit gebracht habe.«
Der Erzähler strich sich mit der Hand über die Stirn.
»Ich muß blind gewesen sein,« sagte er. »Sonst hätte ich sehen müssen, was ich nachher mit Leid vernehmen mußte, daß dieses Kindes Herz nach meinem Herzen stand. Da, einmal – es war im Dezember, der erste Schnee war in der Nacht gefallen und lag weißglänzend auf den Dächern und auf den Hecken und Bäumen des Parks, an den unser Schulhaus anstieß – geschah es, daß ich den Kindern über den freien Tag, der morgen sein sollte, ein Aufsatzthema mit nach Hause gab, das mir der sonnige Wintertag eingegeben hatte. Ich hatte mich sonst so ziemlich an die vorgeschriebenen Stoffe gehalten, die allerlei sachliche Beschreibungen von Pflanzen, Tieren, Gegenden, kleine Erzählungen aus Geschichte und Menschenleben und dergleichen verlangten; wir hatten diese Dinge auch immer gründlich zuvor durchgesprochen. Heute aber kam es mich an, sie selber die Augen auftun zu lassen.