»Ihr sollt mir irgend etwas über den Winter erzählen, was Ihr wollt. Es ist nur das eine: Ihr müßt es selber gesehen haben, was Ihr schreibt, sei es dies Jahr, sei es ein andermal. Und jetzt geht und macht es heute noch, so seid Ihr morgen frei.« Damit entließ ich meine Schar, mir für heute die gewohnte Begleitung verbittend, da ich nach der Bahn wollte und Eile hatte. Sie stürmten nicht hinaus wie sonst. Die ungewohnte Aufgabe mochte ihnen in die Knochen gefahren sein, ich sah sie die Köpfe zusammenstecken und flüstern und sah in sorgliche Gesichter.

›Das ist Euch ganz gesund,‹ dachte ich, ›das will ich nun noch öfter tun,‹ und ich nahm mir vor, beim Korrigieren nicht allzustreng zu verfahren. Wenn es nur etwas Eigenes war, sollte es schon gut sein, sie sollten nur lernen, selber zu sehen und sich selbständig auszudrücken; wenn es auch unbeholfen war, das schadete nichts. Ich war ein wenig gespannt auf den Inhalt der Hefte, die ich am Morgen nach dem Feiertag wieder einsammelte. Wenn ich auf die Gesichter mich einigermaßen verstand, – und ich meinte, es zu tun – so waren keine Glanzleistungen zusammengekommen. Eine meiner besten Schülerinnen, ein blondes Wirtstöchterlein, dem unter dem krausen Haar ein Paar übermütige Augen immer lachend in die Welt hineinsahen, hatte das Ende des langen Zopfes im Mund. »Mir ist fast gar nichts eingefallen,« sagte sie, »nur, daß der Christtag im Winter ist und daß es Schnee gibt.« »Nun, Gretel,« sagte ich lachend, »das ist immer schon etwas; wir wollen dann sehen, wie Du das erzählt hast,« und sie, als sie sah, daß ich so grimmig nicht darauf hineinstürze, setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung an ihren Platz. »Wo ist Elisabeth Hornberg?« fragte ich, meine Reihen musternd. Niemand wußte, warum sie fehle, und wir begannen den Unterricht. Da, als wir schon tief in den Bruchrechnungen steckten, kam sie an, hastig, mit fliegendem Atem, eine ungewöhnte Röte auf den Wangen. »Ich hatte meinen Aufsatz noch nicht ganz fertig,« sagte sie, und mir fiel der Blick auf, mit dem sie mich dabei ansah; es war, als ob die Augen aus den Höhlen heraus wollten und dem blauen Heft nachgehen, das sie in meine Hand legte, und dann wieder in mein Gesicht hineinfragen: Wirst Du es auch gut aufnehmen? Ich gäbe vieles, wenn ich diesen Blick verstanden hätte. Aber ich, als ich während einer Schönschreibstunde, in der die Kinder eine Zeitlang still beschäftigt waren, mich über die Hefte hermachte, fühlte nur einen flammenden Zorn, eine ehrliche Entrüstung, als ich Elisabeths Aufsatz überflog. Ich sah nach ihr hin. Da saß sie und malte ihre Buchstaben – sie war ungeschickt im Schönschreiben – und sah hier und da auf, zu mir hinüber, wie von einer leisen Unruhe getrieben.

›Du hast's nötig,‹ dachte ich, und deutete alle Zeichen einer inneren Erregung, die ich heute wahrgenommen hatte, als Ausflüsse eines bösen Gewissens.

Denn was da in dem Heft stand, sieben Seiten lang, das war kein Aufsatz einer zwölfjährigen Schülerin – und welch einer mittelmäßigen – das mußten diktierte oder abgeschriebene Gedanken sein, fehlerhaft abgeschrieben freilich. Das war das Leiden eines Menschen, darüber, daß die Sonne so spät und so kurz kommt, und daß sie keine Kraft zu scheinen und zu wärmen hat, und war die Sorge um all das Leben, das der Schnee zudeckt und das Eis im Bann hält und die Sehnsucht nach dem Frühling, da alles wieder aufsteht, was jetzt zu schlafen geht. – Nein, gerade abgeschrieben konnte es nicht sein. Dazu waren die Sätze zu ungeschickt; es mußte jemand diktiert haben. Ich bezwang mich mühsam. Aber das konnte ich nicht hindern, daß ich dem Blick der Kinderaugen, die, wie ich jetzt weiß, mich sehnlich suchten, mit einem vernichtenden, kalten Strahl begegnete.

Am andern Morgen kam es. Ich sprach zuerst alle andern Hefte durch. Ich war mild dabei und schonend, – ich weiß es jetzt, ich war grausam ohne Maß. Zuletzt nahm ich Elisabeths Aufsatz. Das Kind saß in sich zusammengedrückt da, es hatte wohl meinen kalten Blick gesehen und gedacht, daß seine Arbeit verworfen sei. »Wer hat diesen Aufsatz oder wie man's nennen soll, gemacht, Elisabeth Hornberg?« Alle Augen richten sich dorthin, wo das bleiche Kind saß. Es kam keine Antwort, nur ein Blick schoß zu mir her, wie eine Bitte um Erbarmen: lies es nicht den andern vor. Ich verstand ihn nicht. »Antwort!« Da kam es leise: »Ich.« Mir stieg der Zorn bis in die Augen. »Du lügst.« Ich sagte es kurz und kalt. Das Kind zuckte zusammen, wie unter einem Hieb. »Sieh mich an,« sagte ich mühsam beherrscht. Das Gesichtlein hob sich, es war grauweiß, die Augenlider blinzelten heftig, kaum daß eines Augenblicks Länge die wasserblauen Sterne unter ihnen hervorsahen. »Siehst Du, Du kannst es nicht. Ich bin nicht so dumm, wie Du zu meinen scheinst.« Dann suchte ich, mich zu fassen. Vielleicht log sie aus Angst, ich wollte nicht so heftig sein. Ich ging einmal den Mittelgang zwischen den Bänken auf und ab. Dann blieb ich vor Elisabeth stehen. »Nun sag' mir, Kind, woher hast Du dies? Hast Du es gelesen oder hat es Dir jemand vorgesagt?« Ich sagte es so ruhig als möglich. Schweigen, – dann die leise Antwort: »Ich habe es selber getan, es hat mir's niemand gesagt.« Nun war das Gesicht von dunkler Röte übergossen. Bis jetzt waren die Kinder als stumme Zuhörer dabei gewesen, nun rief ein Mädchen, das in Elisabeths Nachbarschaft wohnte: »Sie haben einen Kostgänger, der ist ein Schreiber und hat viele Bücher, bei dem sitzt sie immer. Der wird ihr's gesagt haben.« »Still.« Aber ich sah sie doch fragend an: »Ist der's?« Elisabeth hatte, nachdem das schnelle Rot auf ihren Wangen verflogen war, nun einen Ausdruck, wie ich ihn sonst so oft an ihr gesehen hatte, und der mich immer an ein unbewohntes Haus erinnerte, so, als ob alles Leben verschwunden, ausgezogen sei, und als ob alles ringsum sie gar nichts angehe.

Sie antwortete nicht mehr, sie saß nur da und sah vor sich hin. »Wir wollen weitermachen,« sagte ich. »Wenn Du dich besonnen hast, Elisabeth, kannst Du es mir sagen.«

Damit wandte ich mich ab und ließ sie sitzen. Es schien mir unmöglich, daß ich mich getäuscht habe; dann aber war sie verschlagen, halsstarrig und offenbar auch nicht in guten Händen. Dabei dumm, mir so etwas vortäuschen zu wollen.«

»Ja, ja,« unterbrach sich der Erzähler, »das ist das selbstzufriedene Stadium, von dem ich vorhin sagte. ›Wer kann einen täuschen, wie mich?‹ denkt man. Man muß es teuer zahlen, wenn man davon aufwacht.

Am Nachmittag fehlte Elisabeth. Als sie am nächsten Morgen wieder kam, ging sie ohne ein Wort der Entschuldigung an ihren Platz und saß dort wie eine, die damit, daß sie da sitze, alles getan hat, was möglicherweise von ihr verlangt werden kann.

»Wo warst Du gestern?« Ich fragte es schroffer als ich wollte. Da hob sie die Augen. Aber ich war blind, ich sah es nicht, ich sah es erst viel später wie in einem Spiegel, daß sie sagten: ›Ach, was hat es für einen Zweck, Dir Antwort zu geben? Du glaubst es doch nicht.‹ »Antwort!« »Ich war krank,« sagte sie wie mechanisch. So sah sie auch aus, elend zum Erschrecken. Es kam mich ein Mitleid an; vielleicht, nein sicher, litt sie daran, daß sie den Weg zum Geständnis nicht fand. Dann war sie nicht verdorben.