Aber als ich in der Freiviertelstunde, als die andern hinausgingen, sie zurückbehielt und sagte: »Willst Du mir's nun sagen, wer den Aufsatz gemacht hat, Kind? Wir wollen dann wieder gut Freund sein; ich will es Dir verzeihen,« da stieg aus den tiefen Augenhöhlen etwas empor, vor dem all meine Sicherheit und meine mitleidige Würde erschrak und sich empörte. Das war kein Kind, was mich da ansah, das war ein reifer, bitterer Mensch, und der Mensch verachtete mich.

Da ließ ich die kleine, schmale Hand los und sagte: »Geh.« Und sie ging hinaus ohne ein Wort.

Nun kam sie noch eine Woche lang. Es war ein ungutes Beieinandersein. Das Kind, das sonst nicht viel für mich bedeutet hatte, war nun eine Macht geworden, die mich zwang, mich in Gedanken mit ihm abzugeben, und die mich bedrückte, so oft ich – und es geschah unzählige Male – dorthin sehen mußte, wo das schmale Gesicht so gleichgültig vor sich hinsah und nur antwortete, wenn es gar nicht anders mehr ging.

Da eines Tages fehlte Elisabeth. Es geschah mir schier wie ein Aufatmen, als ich den leeren Platz sah, aber es währte nicht lang. Ein anderes Kind brachte einen Zettel mit einer Entschuldigung. »Emil Pfänder« war die kurze Anzeige, daß Elisabeth Hornberg krank sei, unterzeichnet. »Wer ist das?« »Das ist der Schneider, bei dem sie in der Kost ist,« wußten einige der Kinder. »Wißt Ihr, was ihr fehlt?« Sie wußten es nicht, sie hatte keine Freunde, und das letzte Ereignis hatte noch viel dazu beigetragen, daß sie ganz einsam geworden war. »Hat sie denn keine Eltern?« Nein, sie glaubten es nicht, sicher wußte es niemand. Da beschloß ich in mir selbst, sie bald einmal zu besuchen. Vielleicht war das Kind in schlechten Händen, vielleicht bedurfte es nur besseren Einflusses. Ich wollte versuchen, ihm den zu geben. Ach ja, ich. –

Aber es verging eine Woche, und ich kam nicht dazu, den Besuch zu machen. Wir sangen in der Schule Weihnachtslieder und lebten in fröhlicher Stimmung. Wir bereiteten uns zu der alljährlichen Schülerweihnachtsfeier in der Kirche vor, lernten Gedichte auswendig, und ich half den Kindern sogar in den freien Stunden beim Schmücken der großen, steinernen Kirchenhallen. Einmal hatten zwei Mädchen heftige Händel miteinander und gingen mit vertrutzten Köpfen umeinander herum. Da redete ich schön davon, daß man in dieser Zeit noch besonders lieb und friedlich sein müsse, sonst störe man den Engelgesang: Friede auf Erden. Und sie gaben sich die Hände, und wir waren glücklich. Es war alles so fromm und so weihnachtlich und so warm. Vorher, das sah ich, reichte es nun nicht mehr. Aber gleich in den Feiertagen, da wollte ich das Kind besuchen, mit dem noch nicht Friede war. Das würde leicht zu machen sein, denn ich wollte sehr liebreich sein und so das Eis schmelzen. Ach ja. Dann kam die Weihnachtsfeier; sie war schön, so kindlich und so ohne alle Reflexion selig und froh. Ich spürte, ich war doch ein reicher Mann, auch wenn ich keine Familie hatte, denn ich hatte teil an all diesen Kindern und an der großen Freude, die aller Welt widerfahren ist.

Als ich aus der Kirche kam, ging ich auf einem Umweg meiner Wohnung zu. Ich wußte: die Kinder schmückten nun mir ein Bäumchen; wenn ich heimkam, dann empfing mich Lichterglanz und Gesang und helle Augen und auch Gaben. Ich wollte mir so gern etwas schenken lassen.

Ach ja, nun bekam ich etwas geschenkt. Als ich zwischen den Gärten der äußeren Vorstadt hinging, leise vor mich hinsummend, begegnete mir ein Mensch, der mir auffiel. Er hatte ein kleines, vertrocknetes Gesicht und hatte anständige, aber abgetragene Kleider an. Er sah mich immer wieder von der Seite an, und mir war, als grinse er höhnisch nach mir herüber. Das störte mich in meiner festlichen Stimmung; die wollte ich aber jetzt festhalten. Er trug ein blühendes Primelstöckchen in der Hand; das konnte man an jenem Tage – es war nicht kalt – ohne Gefahr des Erfrierens für die zarten rosa Blüten.

»Sie haben da ein hübsches Pflänzlein,« redete ich ihn, da mir das stumme Anschauen peinlich wurde, an. »Sie bringen das wohl einem Kranken?« Denn er ging in der Richtung nach dem städtischen Krankenhause zu. Er sah mir spöttisch in die Augen. »Und Sie, Sie kommen wohl aus der Kirche? Sie haben da wohl all die frommen Lieder mitgesungen?« »Ja, das habe ich,« sagte ich nicht ohne Würde, denn nun schien mir, als ob ich einen von denen vor mir hätte, denen der bloße Anblick eines Kirchgängers schon das Blut in Wallung bringt. »Ja, dann gratuliere ich dazu,« sagte er. »Sie, Sie sind keck, daß Sie unserm Herrgott so unter die Augen treten mögen. Ich an Ihrer Stelle, ich hätte das Herz nicht dazu.«

War das ein Narr, oder was war es denn?

»Ich weiß nicht, was Sie meinen, und nicht, was Sie von mir wollen,« sagte ich steif und sah mein Gegenüber hochmütig an. Da wurde bei dem aus dem grimmigen Hohn ein ebenso grimmiger Jammer. »O nichts, nur daß das Kind stirbt, und daß Sie es vorher noch ins Elend hineingedrückt haben. Aber wenn es dann drüben ist, in dem andern Land, dann soll unserm Herrgott einmal reiner Wein eingeschenkt werden darüber, was Sie für ein Kinderhüter sind, Sie.«