Mir stand das Herz still. Dies hier war kein Narr. Der hatte eine Schuld bei mir einzufordern, es geziemte sich nicht für mich, groß und würdig zu sein. »Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen,« sagte ich. »Wenn ich etwas verfehlt habe« – ich wußte nichts weiter zu sagen, denn auf einmal sahen mich wieder die Kinderaugen aus ihren tiefen Höhlen heraus an mit dem Blick, den sie hatten, als Elisabeth mir das Heft in die Hände legte. Das war noch Vertrauen gewesen, und eine Bitte: Nimm es auf. Ich aber hatte es zertreten.
Der kleine, vertrocknete Mann wuchs vor meinen Augen und wurde mir ein Richter.
»Etwas verfehlt? O ja. Wenn ein Kind überhaupt etwas gilt. Sie hatte eine Liebe zu Ihnen, immer nur: ›Er, er.‹ Das waren Sie. ›Er ist so gut, er ist so fein.‹ Wenn wir unterwegs etwas gefunden haben auf unseren Spaziergängen – und sie hatte ein Aug' für alles Kleine, Feine, – dann hob sie es sorgsam auf: ›Das bring' ich ihm.‹ Wenn ich dann fragte: ›Hat's ihn gefreut?‹ dann nickte sie nur so halb und sagte: ›Ich glaub's schon.‹ Und wenn ich sagte: ›Gelt, Du hast's ihm nicht selber gegeben,‹ dann wurde sie rot: ›Ich trau' mich ja nicht hin. Ich hab's nur so hingelegt; aber das tut nichts.‹ Sie hätte den Weg schon noch gefunden, Herr, aber Sie haben ihr ja nicht geholfen. Aber das ist nicht das Ärgste. Das Letzte, das.« – Ich wußte, was nun komme. Ich glaubte, es aufhalten zu können, so fragte ich: »Wer sind Sie denn? Ist Elisabeth Hornberg bei Ihnen untergebracht?«
»Ich?« Es ging aus allem Groll und aller Betrübnis heraus ein kindliches Lächeln über die verknitterten Züge. »Ich habe nur eine schräge Dachkammer, bei mir kann man niemand unterbringen. Unten bei den Schneidersleuten hat sie gewohnt; sie hat nur eine Mutter und die ist weit fort als Köchin im Dienst. Aber ich bin ihr ganz guter Freund, ja das bin ich. Und sie hat mir immer alles gesagt und mich lieb gehabt und ich sie auch.«
Plötzlich wandte er sich mit einem Ruck zum Gehen.
»Was steh' ich da und red'? Ich muß zu dem Kind. Sie, Sie haben ja doch kein Herz für meine Lisabeth. Und sie verlangt nach mir jede Minut', die ich nicht da bin.«
Aber ich konnte ihn so nicht gehen lassen. Mein Heil und meine Ruhe und mein Recht zum Leben hing davon ab, daß mir der kleine Mann so nicht ging. Daß er mir das noch sagte, das, was ich seit ein paar Minuten wußte, wenn ich es auch nicht begriff. Ich hielt ihn am Ärmel fest.
»Nein, nein, Sie wissen es nicht recht. Ich bin – ich meine es nicht so schlimm, wie Sie es ansehen.« Ach, wie klein war mein Wissen um mich selber und um die andern gewesen und war es noch.
Mein Gesichtsausdruck mochte dem kleinen Mann gefallen. So hatte er mich zu sehen gewünscht, so hatte er mich vor sich haben wollen: aufgeweckt aus aller Selbstherrlichkeit, in Angst und Schrecken eines bösen Gewissens.
Da wurde er milder.