»Ja, was soll ich sagen? Sie glauben's ja nicht. Sie sagen mir vielleicht auch: Du lügst. Sie kennen das Kind ja nicht. Was das für Gedanken hatte, sonderbare, ernsthafte. Wie ein Altes. Ich mußte nur staunen, immer wieder. ›Was Du Dir zusammendenkst,‹ sagte ich oft. Da sah sie mich an wie aus einem tiefen Brunnen heraus: ›Ja, denkst Du denn das nicht auch?‹
Ja, und neulich, als sie den Aufsatz machen sollte, da kam sie an, als ob nun ein Fest hereinbräche. ›Das ist schön, das tu' ich gern.‹ Ich mußte staunen, denn sie hat sonst oft bis tief in die Nacht über den Aufgaben sitzen müssen, das Lernen ist ihr schwer geworden.
Den Vormittag über hatte sie der Schneidersfrau bei der Wäsche geholfen. Aber am Nachmittag, da lief sie hinaus ins Wäldchen dort hinten und kam erst gegen Dunkelwerden hin nach Hause.
›Na, na,‹ sagte ich, ›nennst Du das Aufsatzmachen?‹ Da guckt mich das Kind mit Augen an, ganz glänzig und ernst dabei: ›Er hat ja gesagt, man müsse es selber gesehen haben; da hab' ich doch hinaus müssen.‹ Und dann saß sie, bis zu später Stunde die Schneidersfrau sie ins Bett jagte. Aber sie kam in Strümpfen noch zu mir heraufgeschlichen: ›Fertig; ich muß es aber noch ins reine schreiben. Wenn's ihm aber nur auch recht ist. Was meinst Du?‹ – Denn sie hatte mir das Konzept mit heraufgebracht.
›Was wird's ihm denn nicht recht sein?‹ sagte ich, aber ich mußte ja dennoch den Kopf schütteln: ›Kind, Kind, wo will das mit Dir hinaus? Hast Du denn nichts Fröhlicheres gewußt, so mit dem Schlittenfahren und derlei Dingen?‹ Da schüttelte sie den Kopf, und als ich ihr die Schreibfehler, die reichlich darin waren, zeigen wollte, sagte sie ängstlich: »Laß, laß, ich muß das selber.«
Und dann – das übrige wissen Sie ja besser als ich, Herr Lehrer.
Ich weiß nur, daß an jenem Tag das Kind nicht heraufkam, und als ich's endlich nicht mehr aushielt und hinunterging, da fand ich es in einem Winkelchen sitzen, ganz eng an die Wand gedrückt mit einem Gesicht, als ob alles Leben darin gestorben sei. Die Schneidersleute waren beide ausgegangen, wohin, weiß ich nicht mehr. Da nahm ich das Kind mit zu mir hinauf. Aber es klapperte vor Frost mit den Zähnen und hatte Kopfweh. ›Laß nur, ich will ins Bett gehen, es wird bis morgen besser,‹ sagte es. Und ich erfuhr an jenem Tag nichts von der bösen Geschichte.
Am andern Tag schlich sie wieder in die Schule. Die Schneidersfrau ist so unrecht nicht. Sie kam sorgenvoll zu mir herauf. ›Es muß etwas nicht recht sein mit dem Mädchen,‹ sagte sie. Aber wir bekamen nichts heraus. Ich sah es schon, ich mußte warten; aber es tat mir weh, das Kind hatte sonst ein liebes Vertrauen zu mir.
Jetzt weiß ich's freilich wohl: es schämte sich so bitterlich vor mir, daß ihm das von Ihnen widerfahren war. Es wollte es allein tragen. Erst als die Krankheit, die wohl schon lange in ihm gesteckt ist, zum Ausbruch kam – es ist eine böse Darmentzündung, Herr Lehrer, und sie stirbt daran – da, im Krankenhaus hat sie es mir gesagt. Ich wollte in der Nacht noch zu Ihnen ins Haus dringen, ich war so grimmig, daß ich es nicht aussagen kann, so jammerte mich das Kind. Aber es hielt mich mit seiner heißen Hand fest und sagte erregt: ›Laß, laß, er glaubt es doch nicht. Du darfst nicht hingehen.‹ Sie kam in eine solche Aufregung, daß ich es ihr versprechen mußte, daß ich nicht zu Ihnen gehe. Aber in meinem Herzen, da hab' ich's mir gelobt, daß Sie es doch noch glauben sollen.«
Und nun wandte sich der kleine Mann, als sei die Sache abgetan, zum Gehen. Der Abend war vollends hereingebrochen, und er hatte keine Zeit und keine Ruhe mehr zum Reden.