Aber ich ließ ihn nicht. »Nehmen Sie mich mit,« sagte ich flehentlich. »Sie sehen es doch, daß ich das Kind sehen muß. Es darf nicht so aus dem Leben gehen, so nicht.«
Er sah mich zuerst feindselig an; dann, als besänne er sich, nickte er ein paarmal mit dem Kopf.
»Es mag Ihnen nicht wohl sein dabei, ich seh's schon,« sagte er.
»Versprechen kann ich nichts; aber kommen Sie einmal mit.«
Bei mir zu Hause, das wußte ich, warteten die Kinder mit dem Baum und mit ihren fröhlichen Herzen. Aber was konnte das helfen? Ich konnte nie wieder mit ruhigem Herzen vor ihnen stehen, wenn das eine, das ich verwundet hatte, hinging, um mich vor Gott zu verklagen, daß ich der Liebe und des Vertrauens unwert gewesen sei, die zu mir gewollt hatten.
Das Bett des kranken Kindes stand allein in einem kleinen Zimmer neben dem großen Saal. »Wir haben es vor einer Stunde hier hereingestellt,« sagte die Schwester, »es ist besser so.«
Ja, ja, ich wußte schon, warum. Ich blieb an der Tür stehen, ein großer Wandschirm verbarg mich vor Elisabeths Augen. Ich sah sie durch einen Spalt. Sie lag mit offenen Augen und sah glücklich aus, wie ich sie nie gesehen hatte. Ihr Freund setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand. »Siehst Du die Blumen?« sagte er. »Sie gehören Dir, Du darfst sie dann mit heimnehmen und pflegen.«
Sie nickte leise. »Du mußt nicht mehr fortgehen,« sagte sie.
»Die Schwester bringt mir ein Bäumlein mit Lichtern, das mußt Du auch sehen. Sie ist so lieb.«
Er wollte es freilich auch sehen. »Ich gehe nicht mehr fort,« sagte er. »Solange Du mich da haben willst, bleibe ich.« Wie zärtlich konnte er reden. Er hatte eine Stimme wie eine Mutter, wenn er mit dem Kinde sprach. Dann aber schien er sich meiner zu erinnern. Er wurde unruhig. »Du, Liesekind,« sagte er, »es möchte Dich jemand sehen. Jemand –« Er zögerte, es wurde ihm nicht leicht, es auszusprechen, aber um des Kindes willen sagte er es dennoch: »Jemand, der Dich lieb hat.«