Mein Großvater war so, was man einen unwissenden Menschen nennt. Er konnte weder lesen, noch schreiben, und auswendig gelernt hat er nur einen einzigen Vers aus dem Lied: „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.“ Das verdroß die Großmutter und sie hielt ihm hundert Mal vor, daß sie ihn eigentlich lieber nicht hätte nehmen sollen, „wenn er,“ sagte sie, „nicht sonst solch ein guter Kerl wäre,“ und daß er eigentlich auch gar kein rechter Christ sei. Auch sagte sie des öfteren, daß sie über seine Zukunft in jenem Leben ihre starken Zweifel habe, da er ja nicht einmal den Katechismus könne, und daß sie sich jedenfalls werde einen anderen Platz aussuchen müssen. Dazu lächelte er aber nur vor sich hin und sah so nach seinem eisenbeschlagenen Schäferstock hin, der in der Ecke stand, als ob der es besser wisse. Und das war auch so, denn der Großvater legte ihn jeden Morgen quer vor sich hin auf die Erde, wenn er draußen war bei den Schafen. Und dann legte er die Hände zusammen und sprang darüber, ein, zwei, dreimal. Er sagte nichts dazu, ich habs oft genug gesehen. Aber sein Gesicht war feierlich und festlich dabei. Ich glaube doch, daß er den Schäferstock vor unsern Herrgott hingelegt hat und nachher wieder in Gottes Namen aufgehoben.
Das ist so mit mir gegangen, und daß er dabei fröhlich war und lieb und ohne Streit. Und ich hätte manchmal sagen mögen, wenn sich einer abmühte mit Grübeln und Sorgen und dabei das Licht in seinen Augen erlosch: „Leg’ deinen Stock hin und spring’ in Gottes Namen drüber.“
Da waren sie eine Weile still und stießen große Rauchwolken aus und sahen, ein jeder, in ihre vergangenen Wege hinein und die noch kommenden derer, die sie lieb hatten, und waren eine Gemeinde untereinander. Frau Judith nickte stark und fröhlich mit dem Kopf. Das war so ihre Art, wenn ihr innerlich etwas Frohes aufging. Und die Frau Rektorin schluckte tapfer den Antrieb hinunter, den sie einen Augenblick lang hatte, zu sagen, daß der alte Schäfer doch wohl ein halber Heide gewesen sein möchte, wenn auch vielleicht ein frommer.
Ihr Töchterlein fiel ihr ein, das sie einst mit sechs Jahren in den Sarg gelegt hatte, unter lauter Blumen. Und ihr Gatte, wie der damals sagte: „Besseres kann keinem widerfahren, als nach einem Kinderleben zu sterben als ein Kind.“
Und es wurde ihr warm ums Herz; da schwieg sie.
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Sie hatten sich viel zu erzählen aus den langen Jahren ihrer Lebenswanderung. Sie blieben nicht an den Kindertagen stehen. Das hatten sie gern gewollt. Aber das Leben trat vor sie hin und sagte: und dann, und dann. Da kamen sie über die Grenzen der Jugend hinaus, und sprachen von Lehr- und Wanderjahren, von Hochzeit, Geburt und Tod. Meister Nössel hatte sein Weib verloren, und Frau Judith ihren Mann, und der Rektor Cabisius seine Kinder, und der Korbmacher hatte weder das eine noch das andere jemals besessen. Da kamen sie in ihrer Rede nach und nach darauf, daß der Mensch in das Leben hereingeboren werde als ein junger Baum, den man ins Land pflanzt, und der des Sonnenscheins bedarf und der Stürme und all’ des Wechsels von Trockenheit und Erdfeuchte, Frost und Hitze, um daran stark zu werden und fruchtbar und eigenständig, „und,“ sagte der Rektor Cabisius, „seine Wurzeln tief und fest in den Grund zu versenken, den keiner sieht und jeder bedarf“. Aber sie machten nicht viele und kluge Worte darüber, denn sie waren einfache Leute, und was das Leben sie gelehrt hatte, das war mehr in die Tiefe gegangen, als in die Breite.
Nur die Frau Rektorin sagte, aus ihrem wallenden Großmutterherzen heraus: „Aber den Kindern möchte man doch manches Harte ersparen. Wenn ich an Gertrud denke, und daß das Leben sie so rütteln sollte. Ich mag nicht daran denken. Sie ist so zur Freude geschaffen.“ „Darum wird sie auch zur Freude gelangen, das ist sicher,“ sagte ihr Mann herzlich und bot ihr über den Tisch herüber die Hand, und die andern sahen mit stillen Augen zu.
Fünftes Kapitel
So hatte Georgs und Gertruds Freundschaft angefangen; das lag ein paar Jahre zurück.