Es war ein Drehorgelmann durchs Städtchen gezogen, ein alter Invalid mit einem lustig zwinkernden Gesicht und einem großen, roten Schnauzbart. Der rechte Ärmel hing ihm schlaff herunter, die Orgel trug er an einem Riemen, der über die Achsel ging; mit der linken Hand drehte er die Kurbel herum, da kamen die Lieder aus dem Kasten heraus, eins ums andere. Es waren deren vier. Ein Choral; da horchten die alten Leute auf und die ganz einfachen, frommen Gemüter. Sie unterbrachen ihre Hantierung, legten den schrillen, gellenden Tönen den Text unter, den sie aus dem Gesangbuch kannten und nickten beifällig. Und die alten Weiblein, die unter den knospenden Akazienbäumen des Marktplatzes ihre Enkel hüteten, summten mit, und suchten in der Rocktasche nach einem Stück Kupfergeld. Dann ein Marschlied, wie es die Soldaten singen, wann sie heimziehen vom Exerzierplatz. Da hörten die Gesellen in den Werkstätten auf zu hämmern, und den Mägden, die am Spültrog standen oder die Straße kehrten, schwellte sich die Brust. Denn mit dem Lied zogen ganze Regimenter an ihnen vorbei, junge, starke Burschen, so recht aus dem Vollen. Der Oberlehrer Hölzle in der Knabenvolksschule ging von Fenster zu Fenster und schloß alle Flügel. Denn nun schallte das dritte Lied herauf: „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd.“ Und in der Schule wollte mit einem Mal alles jung werden. Was Geographie von Hindostan! Was Stromgebiet des Ganges! „Ins Feld, in die Freiheit gezogen.“ Die Buben rutschten hin und her und hatten nicht übel Lust, auszubrechen. Es war auch solch eine starke, frische Frühlingsluft draußen. Darum schloß Herr Hölzle die Fenster. Denn er dachte, daß fern von der Versuchung, fern von der Übertretung sei. Und dann fuhr er fort, von der Höhe des Himalaja zu sprechen. Gegenüber war die Lateinschule. Da bog sich ein grauer Kopf aus dem Fenster und ein heiteres Gesicht sah auf den Markt hinunter, wo der alte Kriegsmann seine Orgel drehte und ein immer feurigeres Tempo anschlug. Denn er war jetzt von einer ganzen Schar umgeben. Aus allen Häusern und Höfen und Nebengäßchen quoll es von Kindern, solchen, die noch in dem glücklichen, freien Alter standen. Sie drängten sich um ihn und als er weiter ging, die Hauptstraße entlang, schwärmten sie mit, stolpernd und keuchend vor Eifer, ihm ganz nah zu sein, und traten einander auf die Schuhbänder, bis einige fielen, und die Mütter hintendrein rannten, um ihre Sprößlinge unter ihre Augen zurückzuholen.

Da gab die Oper Martha noch das vierte Lied her: „Ach, so fromm, ach, so traut“. Das schmolz nur so hin. Und die Amtsdienersfrau Ramsler putzte ihrem Jüngsten das Näschen mit der Schürze und schneuzte hernach sich selbst in Rührung. Denn das Lied hatte sie einst in einem Biergarten gehört, in Blechmusik, damals, als sie mit ihrem Ramsler versprochen war, und es war schön gewesen damals.

Als der Rektor Cabisius das noch mit angesehen hatte, trat er vom Fenster zurück zu seinen Lateinern.

Er hatte vorhin seine Enkelin unter der horchenden Jugend entdeckt. Sie war mit großen Augen in dem Schwarm gestanden, die Hände auf dem Rücken, und hatte den Tönen nachgespürt, wie sie so unbegreiflich aus dem braunen Kasten kamen, eine Welle nach der andern. Da hatte er ihr zugerufen; es war ein gutes Stück vom Hause weg: „Verlauf’ dich nicht, Gertrud, hörst du?“ Und sie hatte, wie erwachend, zu ihm hinaufgesehen und dann lachend den Kopf geschüttelt. „Verlaufen? Nein, nur noch ein Stückchen mit dem Mann.“

Da war er zufrieden gewesen. Sie war fünf Jahre alt damals, und ein festes, stämmiges, kleines Mädchen. Sie stand so wacker unter all’ den andern. Das freute ihn. Er dachte nicht, daß seine Frau unter der Haustür stehe und mit der Hand über den Augen Ausschau halte, bis das Kind sein Geldstück abgegeben habe und wieder komme, um dann, „als ein nettes Kind“ im Garten zu spielen. Er war so sorglos. Es fiel ihm gar nicht ein, eine Topfpflanze aus dem Kind zu machen, und es wurde denn auch keine, obgleich die Großmutter hie und da einen Anlauf nahm, wenigstens ein Honoratiorenkind zu erziehen.

Die Drehorgel tönte ferner und ferner. Es hatten sich nur wenige Leute im Städtchen über die Musik, die sie hervorbrachte, geärgert, und diese Wenigen konnten nun aufatmen. Die andern, die sich gefreut hatten, nahmen ihre Arbeit wieder auf, und da und dort ging einem und dem andern noch eine der Melodien durch den Kopf. Draußen auf einem Grasrain setzte sich der Invalide nieder und begann das Geld, das in seiner Mütze lag, zu zählen. Da standen noch zwei Kinder vor ihm. Sie waren, jedes für sich, nicht bewußt miteinander, hinter ihm hergegangen, bis er hier anhielt. Das eine war ein Bub. Er hatte ein blasses, sommersprossiges Gesicht und ernsthafte Augen, die auf den Orgelkasten blickten, als könnten sie etwas aus ihm herausholen. „Ist es jetzt ganz aus? Ist nichts mehr da drin?“, fragte er und machte ein sehnsüchtiges Gesicht. Der Invalide lachte. „Hast du etwas?“ fragte er zurück. „Es ist schon noch etwas drin, aber nicht für nichts. Hast du Geld?“ Da schoß dem Buben das Blut ins Gesicht vor hilfloser Scham. Er wendete sich ab und suchte in seinen Taschen. Da kamen ein paar alte Brotrinden hervor, ein Stück Bindfaden und ein Stück farbiges Glas. Das Glas hielt er zögernd hin, ohne etwas zu sagen; vielleicht fand es Gnade vor dem Orgelmann, wann er es sah. Der lachte noch viel lauter. „Ha, ha,“ lachte er, „damit willst du mich wohl bezahlen? du Knirps! ha, ha, das ist gut. Du, das kann man nicht essen, das Glas.“ Da kamen dem Buben die Tränen. Er schämte sich so sehr und hätte so gerne noch etwas Musik gehört. Ganz voll Wasser standen seine Augen; da fuhr er sich mit dem Ärmel darüber und schluckte und schluckte. Das kleine Mädchen, das daneben stand, sah es. Es war auf eigene Faust hier heraus gekommen. Aber nun war es plötzlich ganz lebendig dabei. „Warum lachst du so, Mann?“ fragte es zornig. „Jetzt weint er, siehst du’s? Da, so nimm das Bildchen, es ist eine Rose drauf. Jetzt mach’ Musik, du mußt nur da herumdrehen, ich habs gut gesehen.“ Der Junge sah mit Staunen auf die Beschützerin, die ihm so unverhofft erwachsen war. Sie war nicht größer als er, aber viel kecker, so wie Kinder sind, deren fröhliche Zuversicht noch nirgends schmerzhaft beschnitten und zur Schüchternheit herabgedämpft ist. Da kam wieder ein wenig Lebensmut in seine Augen. Der Invalid lachte, daß es dröhnte. Aber es war ein wohlgefälliges Lachen. Mit der Faust schlug er auf die Drehorgel, da erhob sich ein leises Schwirren und Klingen darin. „Friß mich nicht, Kleines,“ sagte er. „Ich werd’ doch noch lachen dürfen. Wenn man bloß noch einen Arm hat und sich sein bißchen Notdurft muß zusammendudeln, und soll nicht einmal lachen dürfen. Was hat man denn sonst, he? Das sag’ mir.“

Sie sah ihn groß an. Einer, der solche Musik machen konnte, und fragte so. „Wo ist dein anderer Arm?“ fragte sie. „Laß einmal sehen, unter dem Kittel.“

„Der? liegt in Frankreich begraben,“ sagte er. „Dort liegt er und ich plage mich hier herum mit dem einen. Wenn das nicht zum Lachen ist, was denn sonst? Den hat mir eine Kugel weggerissen. Aber davon versteht ihr nichts. Oder, versteht ihr das, warum die Leute einander die Arme wegschießen und die Füße, und einander totschießen? Ich meine, Leute, die gar nichts von einander wissen, bloß so von Weitem her; bloß weil ihnen das einer befiehlt? He, versteht ihr das?“

Nein, das verstanden sie nicht. Musik wollten sie hören; das andere, das war ihnen eine dunkle Sache. Arme und Beine wegschießen? Sie waren noch nicht sehr lang in der Gegend, das will sagen, auf der Welt. Es war da noch sehr viel Fremdes, das sie noch nicht kannten.

„Ja so,“ sagte der Invalide. „Ja so, ja, ihr krieget noch ein Lied da heraus; heißt das, das Mädel kriegt eins. Du kannst dich in ein Mausloch hinein schämen, Bub, daß du dich hinstellst und heulst. So, angefangen. Aufgepaßt.“