Da drehte er seinen Handgriff herum und drehte ein Lied heraus. Noch eins. „So, das gefällt euch wohl?“ sagte er, als die Beiden horchten, wie die Mäuse. Sie nickten nur. Es war wohl jetzt unwiderbringlich zu Ende? Denn der Invalide stand auf und hängte sich seinen Kasten um.
„Da müßt ihr eben sehen, daß ihrs auch einmal so weit bringet, als ich,“ sagte er. „Das ist ein feines Leben, das könnt ihr glauben. Seht ihrs, ich habe die Taschen voll Brot. Was will man mehr? So weit könnt ihrs auch bringen.“
„Wir haben daheim den ganzen Laden voll Brot und Wecken,“ sagte der Bub, „und noch Feinbackwerk, so viel, daß mans gar nicht zählen kann.“ Er hatte einen gewaltigen Anlauf dazu genommen, um auch etwas Rechtes zu sagen; da schoß er übers Ziel hinaus und protzte. Das hatte er nicht beabsichtigt.
„Aber ich will auch Musik machen, wann ich groß bin, und dann mach ich so viel Musik, den ganzen Tag, und hör’ nicht immer gleich auf, wie du. Bis ich genug habe, so lang spiel’ ich.“ Da wurde er wieder rot. Denn der Orgelmann sah ihn so spöttisch an, daß er in seine vorige Verlegenheit zurückfiel.
„So,“ sagte er. „Aha. Da ißt du dich zuerst dicksatt und dann, wenn du noch kannst, dann kommt die Musik dran. Aha. Da setzst du dich wohl an den Backofen dazu? Bis du genug hast, so lang tust du das alles? Du Teigprotz.“
Ganz erstaunt sahen ihn die Kinder an. Da kam solch ein verbissener Grimm heraus. Sie faßten einander an der Hand. Sie verstanden nicht, daß behagliche Sattheit und ein geruhlicher Sitz in der Ofenwärme dem landfahrenden Mann ein Paradies war, in das er nie gelangen konnte, und daß seine Grobheit unwillige Bewunderung des Versagten sei. Es paßte nicht zu dem lustigen Gesicht, das der Invalid den ganzen Morgen gemacht hatte. Es war wie einer der schrillen, gellenden Nebenaustöne, die seine Orgel oft mitten in eine heitere Melodie hineinwarf. Aber die Kinder verstanden diesen Ton aus einer fremden, düsteren Welt nicht. Sie kehrten still um und ließen ihre Hände ineinander und sahen sich nur noch einmal schüchtern nach dem Mann um, wie er davonstapfte zwischen den hellbegrünten Hecken und immer noch den Kopf schüttelte und einmal mit dem Fuß aufstieß, daß der Kasten schütterte.
„So, jetzt laß ihn,“ sagte Gertrud, da der Bub blaß und still neben ihr hertrottete. „Jetzt gehen wir heim; meine Großmutter wartet. Hast du auch eine Großmutter? Dann sagst du’s ihr, das von dem Mann.“
„Nein,“ sagte er; „eine Großmutter? Nein.“
Er war kein Prahlhans. Es war ein schüchternes Kind, und hatte allen Mut zusammengenommen, um sich auch an der Unterhaltung zu beteiligen. Die Musik und das kecke kleine Mädchen hatten ihn so kühn gemacht. Nun war er gewaltig aus dem Sattel geworfen.
„Aber einen Großvater, das hast du doch?“ sagte Gertrud. Sie sagte es sehr eindringlich, denn es war ihr unbehaglich, zu fühlen, daß solch etwas durchaus Nötiges in irgend einem Leben fehle.