„Nein,“ sagte der Bub noch einmal. „Einmal, da habe ich einen gehabt, aber das ist schon lang. Da war ich noch ganz klein. Der ist gestorben.“ Es war eine durchaus kühle Mitteilung.
„Hm,“ sagte Gertrud, (das hatte sie von dem Rektor Cabisius aufgeschnappt), „gerade wie mein Vater und meine Mutter. Die sind auch gestorben, wie ich noch klein war. Sie sind im Himmel. Meine Großmutter hat’s gesagt.“
Und auch das war ohne Trauer ausgesprochen. Es fehlten zwei gute, starke Ringe an der Kette, die das Kind mit dem Leben verband. Aber es war darum nicht in steuerlosem Nachen auf der See, es war nur um so fester an das vorige Glied angebunden.
Die zwei Alten standen unter der Gartentür, als die Kinder herankamen, denn der Rektor war inzwischen aus der Schule heimgekommen, und nun mußte er mitanhören, daß das Kind anfange, auszureißen und daß er wohl ein wenig Schuld daran sei. Das Keckliche, Ungebundene, sagte die Großmutter, das habe es von ihm. Und er ließ das über sich ergehen mit seinem guten, stillen Lächeln. Da kam die Erwartete um die Ecke und zog den kleinen Buben mit sich. „Großvater,“ sagte sie, „du mußt ihm auch noch Musik machen, noch schönere, als der Orgelmann. Er hat keinen Großvater und niemand.“
„Was?“ sagte der Rektor, „niemand? Bist du nicht ein kleiner Ehrensperger? Gehörst du nicht dem Bäcker drüben am Marktplatz? Was faselst du da, Gertrud?“
Da trat seine Frau dazwischen. „Nein, laß nur, Mann,“ sagte sie, und war ganz Güte und Mütterlichkeit, „es ist doch ein armes Kind, das weiß ich. Er hat eine Mutter und doch keine. Er hat nicht umsonst solch ein freudloses Gesicht.“
Wißt ihr, wie das ist mit der Liebe? Das ist wie mit dem Apfelbaum im Garten der Frau Holle, der stand und rief: „Pflücke mich, pflücke mich, meine Äpfel sind alle miteinander reif,“ und als das Kind kam und anstieß, da rollte ihm der schwere Segen in den Schoß.
So schwer von Reichtum und Früchtesegen steht ein liebereiches Herz, und wartet, ob nicht irgend eine Leere sei, in die es seine Fülle gießen könne, und ist noch dankbar und froh, daß es wieder Raum gewinnt zu neuen Trieben. Sie hatten schon so vieles aus ihrem Leben hingegeben, das sich hatte von ihnen lieben lassen, die beiden alten, jungen Leute. Und da noch quellendes Leben in ihnen war, das lieben mußte, so kam das den anderen zugute.
Ich will nicht hoffen, daß irgend jemand absprechend den Kopf schüttelt, wann von dem warmen, weiten Herzen der Frau Rektorin die Rede ist. Etwa, weil er ihr den kleinen Hochmutsanfall vom vorigen Kapitel stark ins Wachs gedrückt hat. Trug nicht der große, alte Zwetschgenbaum in meiner Großmutter Garten alljährlich außer den süßen Früchten eine Anzahl aus der Art geschlagener merkwürdiger Knorpeln, die wir „Zwetschgennarren“ nannten? Und verspeisten wir diese säuerlichen Dinger nicht mit besonderem Behagen als eine heitere Merkwürdigkeit des Alten, um uns nachher mit umso größerer Lust an die Erzeugnisse seiner besten, süßesten Säfte zu machen?
Lächelte nicht ihr Gemahl selbst sein helles, humorvolles Lächeln zu ihren kleinen Schwächen? Und traute er ihr nicht darum doch das Beste, Reichste zu, das in dem fruchtbaren Boden eines liebreichen Herzens gedeihen kann?