Da ließ ich mich verleiten. Ihr wißt, es ist mir hie und da etwas eingefallen im letzten Jahr. Ich hätte es ihnen nicht vorspielen sollen. Ich hätte wissen können, daß es nicht zu ihnen redet. Aber es war ein starker Wunsch in mir, etwas mit ihnen zu teilen, das mich angeht. Ja, vielleicht war auch ein wenig Großtuerei dabei, das kann ich nicht sicher sagen.“
Denn Gertrud hatte ihm so einen Blick zugeworfen, der etwas ähnliches andeuten mochte.
Er tat einen langen Atemzug. „Es ist mir nicht gut gegangen damit.
Ihr wißt, als Fritz Bauer beim Baden ertrank, — ihr kennt ihn, er war so ein lebensvoller, frischer Mensch, Neuphilolog, mein Bundesbruder, da habe ich etwas komponiert, eine Totenklage, wenn ihr wollt. Ich habe die Musik in mir gehört, eine ganze Nacht lang; ich stand um vier Uhr auf und saß den ganzen Vormittag daran und es gelang mir, sie festzuhalten. Ich habe sie in der Verbindung vorgespielt, als wir die Trauerfeier hielten. Ich habe den Eindruck, als ob einige gefunden hätten, daß etwas daran sei.
Also, das spielte ich heute vor und vertiefte mich ganz darein und meinte, sie alle mit mir zu führen in die Stimmung: daß solch ein junges Leben so jäh endigen müsse. Jetzt noch heiter und kräftig und voll Frohmut, und junge Genossen dabei, und sonnige Ufer und plätschernde Flußwellen, — und dann der starre Tod, der ihn in die Tiefe zog. Das hätt’ ich alles mit Worten nicht so sagen können, aber ich meinte, sie sollten es mit mir hören in den Tönen, die ich anschlug. Aber als ich fertig war und mich nach ihnen umwandte, da blieben sie alle still und sahen einander verdutzt an. Es war nicht das beredte Schweigen, das einem so viel sagt, es war das lähmende, tote Schweigen, bei dem nichts herüber und hinüber geht.
Und nach einer Weile fing Franz an zu gähnen und sagte: ‚Also das wär’s, so, so. Du, jetzt, jetzt spielst du noch etwas anderes. Jetzt spielst du noch den Radetzkymarsch. Was, den kannst du nicht? Na, mach’ kein Gesicht. Ich glaube, ich kann ihn, wenn auch nur mit drei Fingern. Laß mich einmal heran.‘
Und die Schwägerin sagte: ‚Ach ja, Franz, den Radetzkymarsch.‘ Den hatte sie mit ihm gehört, als sie miteinander in Stuttgart bei der Wachtparade waren.
Und er spielte ihn, und der Vater taktierte mit dem Kopf und versuchte, mitzupfeifen. Jungfer Liese sah mich vorwurfsvoll an: „Siehst du? Der Franz. Er hat nicht studiert und kann es doch. Das ist einer, der Franz.“
Da kam es über mich, daß ich aufsprang und den Deckel zuschlug und noch die Tür zuwarf, daß es knallte und in den Garten ging.
Nachher schämte ich mich und ging noch einmal hinein. Da waren sie ganz harmlos und freundlich und Jungfer Liese sagte, ich müsse neue Hemden haben und wir sprachen eingehend über die Hemden.