Aber davon wurde es nicht anders. Sie sind fremd in meiner Welt, und ich bin fremd in der ihrigen. Und es führt kein Weg herüber und hinüber. Ich hänge an ihnen; ihr wißt es. Und das ist mein Kummer, daß ich anders sein muß meinem Wesen nach. Es ist nicht nur mein Studium, es ist mein Wesen.“

„Das kenn’ ich besser, als du denkst,“ sagte der Rektor in seiner verstehenden, linden Art.

„Das kenn’ ich aus der Zeit, als ich, selber noch jung und meines Wesens ungewiß, mit Schmerzen sehen mußte, daß ich anders sei als die, zu denen mich Geburt und Kindheitsgenossenschaft gestellt hatte und zu denen auch mein wachsendes Ich noch drängte. Ich weiß, wie das ist, was du heut erlebtest. Ich habe es auch erlebt.“

Georg sah auf. Die alten Augen lagen liebend auf ihm und es wallte warm in ihm empor.

Er war also auch nicht immer ein so harmonischer, klarer Mensch gewesen? Er hatte auch seine Art durch Schmerzen und Zweifel hindurch tragen müssen? Und war doch solch ein Mann geworden. Dann — dann verlohnte es sich also, daß man es versuchte, mit sich selber zu hausen, wie man nun einmal war? Daß man versuchte, auch aus seiner Art etwas Rechtes zu machen?

Gertrud nickte ihm zu. Hatte sie seine Gedanken verstanden? „Franz ist Franz und du bist du. Laß dich’s nicht so sehr anfechten. Das kommt vielleicht noch, später. Siehst du, bei dir ist noch nicht alles so klar und fertig. Sie sind schon, was sie werden müssen, du nicht. Es geht noch so vielerlei hin und her in dir, nicht, du?“

Ach ja, das tat es freilich. Bis zum Überlaufen voll war er davon. Er hatte ja heute mit ihnen davon reden wollen. Je näher das Examen kam, je mehr fürchtete er sich davor. Nicht nur vor dem Examen selbst, obgleich er auch dazu einige Ursache hatte; viel mehr vor dem Leben, das darnach kam. Vor dem Amt. Wo war das knabenhaft ausgesponnene Pfarrersideal hingekommen, das er eine Zeitlang gehabt hatte? Haus und Garten auf dem Land, eine kleine, nette Dorfkirche, einfache, schlichte Menschen, denen er alles Schöne, Fromme, Ewige vermitteln durfte. Er selbst — ach, wir kennen ja Georg Ehrensperger, — er hatte sich bereits gesehen, wie er durch die Gassen schritt und alle kannte und grüßte, und alle ihn. Und wie er an stillen Sommernachmittagen die Kirche aufschloß und — dann brauste die Orgel durch den Raum. Ganz deutlich hatte er das gewußt. Ach, wo war es hin? Je mehr er sich mit den Wissenschaften auseinandersetzte, desto mehr zerfloß ihm alles, was er unter Christentum verstanden hatte. Was blieb ihm noch? Was war das Ewige, das Frohe, Heilige, das er den Menschen bringen wollte? Er hatte ihnen nichts zu geben. Er hatte selber keinen festen Besitz. Was er hatte, das lag zu tiefst innen und sah kaum aus wie Religion. Man konnte es nicht in Worte kleiden und nicht lehren. Es war ein Verlangen, sich hinzugeben, sich brauchen zu lassen, etwas zu sein für die Menschen, und ein Verlangen darnach, an den Quell des Lebens hinzudringen, der unter allem Sichtbaren seine Fluten hinschickt. Und er wußte es noch nicht, damals noch nicht, daß er hundert Jahre lang zu leben und zu predigen gehabt hätte aus dem einen Verlangen seiner Seele heraus: „Gebt euch hin an Gott, gebt euch hin an die Menschen.“ Allen Glauben und alle Liebe konnte man da hineinfassen. Aber er verstand sich selbst noch nicht.

Arm und unklar kam er sich vor. Was sollte ein solcher wie er ins Amt treten? Er konnte über diese Dinge nicht mit den Genossen reden, er war zu scheu, sie in sich hineinsehen zu lassen. Und er konnte sich auch nicht bei den Professoren Rats erholen, wie manche taten.

Und immer öfter kam die Angst über ihn: „Wo hinaus mit mir? wenn nun die Zeit da ist, was dann?“

Zweierlei war, an dem er sie hie und da vergaß.