Lore. Wenn er bei ihr war und sie sah, so blühenden Lebens voll, dann kam es über ihn, wie von frischer Märzluft angeblasen, daß das Leben denn doch nicht nur eine Sache des Nachdenkens sei, und daß Jugend und Schönheit auch gute Gaben seien. Wenn er sie gut antraf, so scherzte sie ihm die schweren Gedanken hinweg: „Ach du, du nimmst alles so schrecklich ernst. Weißt du, was gut ist gegen das Traurigsein? Frohsein, du.“ Dergestalt rief sie ihm nach außen.
Nach innen rief ihn die Musik. Ans Klavier trug er die Unruhe, die ihm die Wissenschaft machte. Die Musiker, das schienen ihm die wahren Propheten und Lehrer zu sein von dem allerinnerlichsten, das es gab. Sie konnten trösten, froh machen, die Herzen erheben. Sie konnten der Seele auf den Grund leuchten und alles Gute mit Namen rufen, daß es lebte, und alles Niedrige erschüttern.
Aber das konnte ihn nichts helfen, daß er das wußte. Er mußte selber etwas zu geben haben, etwas Eigenes. Es wollte etwas in ihm leben, und suchte eine Sprache; da horchte er und suchte sie zu finden.
Die Bücher und Kollegien kamen nicht gut weg dabei.
Denn je länger er Musik machte, desto kälter wehte es ihn aus den Büchern an. Ja, freilich — er durfte es sich nicht verhehlen, es waren nicht immer gerade die reinsten Triebe, die ihn ans Klavier zogen. Er mußte es sich gestehen, zuweilen floh er nur dahin vor den langweiligen Pflichten, zuweilen war es reine Zerstreutheit, daß er da saß und spielte. Gertrud kannte ihn wohl, als sie sagte: „Es geht noch so vielerlei hin und her in dir.“
Von dem allem hatte er heut reden wollen. Er hatte es sich fest vorgenommen. Aber die friedlichen Geister dieser Stube lösten so manche Unruhe, noch ehe sie in Worten an die Oberfläche kam. Mußte denn alles gesagt sein? Es war so wohltuend, eine Weile still dazusitzen. Die beiden verstanden ihn auch so, das wußte er. „Hier bin ich daheim, das macht es.“ Und als er sich dessen aufs neue versichert hatte, da wuchs ein neuer Mut in Georg. „Warum sollte ich’s im Ehrenspergerhaus nicht auch sein können? Es ist nicht so leicht, aber es muß doch zu machen sein. Ich will mich morgen mit Franz und dem Vater an den Vespertisch setzen und — ja, und will ihnen von mir erzählen. Ich will es so einfach tun, als ich kann. Ich will nicht fremd werden in meinem Vaterhause.“
Als er das beschlossen hatte, sah er froher aus, als zuvor.
In die Stille hinein sagte der Rektor: „Man muß auch nicht mit Gewalt verstanden sein wollen. Man muß zuweilen den Mut fassen, sich in sich selbst zu bergen, bis etwas Sicheres und Gewordenes von innen heraus kommt. Das wirft uns dann kein Kaltsinn und kein Mißverstehen um. Aber freilich,“ — er lächelte und sah die beiden jungen, horchenden Gesichter an, — „das Wartenkönnen, auf sich selbst und auf andere, das will auch erst gelernt sein.
Siehst du, Georg, ich habe einst gemeint, ich sei ein Dichter, weil alles Geschaffene in einer eigenen Schönheit und stillen Sprache zu mir redete. Und manchmal fand ich auch das Wort, es wieder zu sagen. Da sammelte ich nach und nach einen kleinen, heimlichen Schatz von Gedichten, gereimten und ungereimten an. Sie waren zum Teil mangelhaft in der Form, ich weiß es. Es war oft ein Stammeln von einer innerlichen Welt, für die ich des klaren Ausdrucks nicht mächtig war. Aber sie waren ein Teil von mir und waren mir teuer.
Da ließ ich mich einmal in einer aufgeschlossenen, warmen Stunde hinreißen und zeigte sie meinem Bruder. Der war Arzt, ein frischer, heiterer, allgemein beliebter Mensch, und ich liebte ihn mehr, als er wußte. Zuweilen aber kam es mich an, daß ich in meiner heimlichen Gedankenwelt von ihm verstanden sein wollte. Dann ging es mir wie jenem, der alles wollte und nichts bekam.