Er sah hinein, las wohl auch in den Blättern. Am andern Tag gab er mir sie wieder: ‚nett, zum Teil ganz nett. Ein bißchen versonnen.‘ Er lachte und gab mir einen Schlag auf die Achsel: „Du bist immer ein Sinnierer gewesen, Joachim.“
Siehst du nun, daß ich weiß, wie es ist, Georg?
Er konnte wohl nicht anders; er sagte, wie es ihm ums Herz war. Aber mir war das leichthin geredete Wort wie ein Schlag ins Gesicht. — Das war alles? Da kam wieder so leer zurück, was ich aus mir heraus gegeben hatte und ich stand da und schämte mich, daß ich meine Seele so nackt hatte sehen lassen, und hätte sagen mögen: „gib’s wieder zurück, mach’s ungeschehen, daß du mich gesehen hast. Und dann zog ich mich in mich selbst zurück, so weit ich nur konnte.“
Der Rektor ließ ein paar große Rauchwolken steigen, die bildeten im Mondlicht einen schmalen hellen Streifen wie eine Brücke, darauf die Gedanken des alten Mannes in seine Jugend zurückgingen.
„Ja, heute versteh ich das alles; damals —, er sah es, daß er mich arm gelassen hatte. Und er meinte, ich habe mehr Lob erwartet und sei nun verschnupft, daß es mager ausgefallen sei, und erklärte mir, — er klopfte mir nochmals dazu auf die Achsel, daß ja wirklich ganz nette Sachen darunter seien, aber daß es ja natürlich viel bedeutendere Leute gebe und daß ich nicht erwarten dürfe, mit ihnen zusammengestellt zu werden.
Da packte ich mein Büchlein wieder ein. Nein, das hatte ich nicht erwartet. Etwas anderes. Was denn?
Ach, einen aufblitzenden Funken, der von seiner Seele zu meiner spränge, es hätte kaum ein Wort gebraucht, es hätt’s ein Blick getan, ein Händedruck, oder auch ein Schweigen.
Da hast du recht, Georg, es gibt ein beredtes Schweigen.“ Georg saß und horchte. Den Kopf lehnte er an die Wand und die langen Beine streckte er weit in die Stube hinein. Die Uhr tickte friedlich und gelassen: still — still — still — still. Bis die Stille redete. Ach wie friedlich war es hier.
Es war keine Unterbrechung dieser Stille, als der Rektor wieder anfing: „Das ist’s, was wir suchen und begehren: Gemeinschaft, Verstehen, nicht Lob. Ein Wort, das unserem verborgenen Leben eine Erlösung gibt, eine Befreiung. Aber wir dürfen das Wort von keinem verlangen. Es muß über uns kommen, wie ein Wunder. Es muß von einer verstehenden, liebenden Seele kommen. Und wir dürfen zu niemand sagen: sei du mir das, ich bitte dich.
Aber wie wir still hingehen und es tragen, daß wir einsam sind unter denen, von denen wir geliebt sein möchten, wächst eine Macht in uns, selber zu lieben und zu verstehen. Die den Armen das Evangelium verkünden wollen in irgend einer Weise, die müssen selber arm gewesen sein, arm in sich selbst vor allem.