Sonne überall. Sonne über der ganzen alten Stadt, Sonne auf der Straße nach Niedernau, Sonne über dem Reitertrupp, der dahinsprengte, auf einigen braven, wackeren Gäulen und auf einigen alten, dürrbeinigen Kleppern, Sonne über den offenen Wagen, die nach einander hinausfuhren, alle voll fröhlicher, festlicher Menschen, Sonne über dem grünen Wiesenplan, Sonne auf den Angesichtern und in den Herzen.

Wer wird an einem solchen Tag an Schatten denken? Alles ist voll Licht und Farben, alles ist in Bewegung. Bunte Mützen und Bänder, helle Mädchenkleider, helles Mädchenlachen, Musik erklingt und fließt über die Wiese hin, auf der Wiese tanzen fünfzig Paare, nein, mehr. Wer hat sie gezählt?

Der Müller Hensler tanzt auf kurzen, flinken Beinen zwischen all’ den jungen Leuten herum; er hält die Putzmacherin Maute umfaßt, die ein Stück größer ist als er und in einer grünseidenen Bluse steckt. Alle Wetter, sie tanzt wie ein junges Mädchen, er muß ihr einmal auf den Rücken klopfen, um ihr seine Bewunderung zu zeigen. „Ja, das hat schon Maute immer gesagt. Henriette, hat er gesagt, wenn du sonst nichts könntest, tanzen, das kannst du.“

Ja, das wollte der Müller Hensler meinen, das konnte sie. Und Franz ist dazwischen und tanzt mit Lore, das heißt, wenn er sie bekommen kann; denn sie geht aus einem Arm in den andern. Herrlich sieht sie aus, jede ihrer Bewegungen ist Leben und Lust und Grazie, und sie wird weder heiß noch rot vom Tanzen. Leicht und ruhig atmet sie, sicher und überlegen geht sie mit den jungen Leuten um; aber wenn sie zu Georg kommt, dann ist sie anders. Dann sagen ihre Augen: „Siehst du mich? siehst du, daß ich schöner bin als alle? Das bring ich alles dir; ja, ja, staune nur; wage nur, frage nur.“

Und andere junge Mädchen sind da und gleiten über den Rasen, einfache, warmherzige, frische Geschöpfe, Schwestern der jungen, oder Töchter der alten Bundesbrüder, Lust und Frohsinn in den Augen, Lachen auf den Lippen. Und es kommt auch die Alten an und siehe da, der Rektor Cabisius erinnert sich noch eines Maienfestes vor sechzig — oder beinah sechzig Jahren, an dem er ein kleines Schulmädchen herumgeschwenkt hat, ein mageres, braunes Ding mit einem langen Zopf. „Wissen Sie noch, Frau Oberamtspfleger? Was meinen Sie, wir könnten’s noch einmal probieren.“

Wie sie sich wehrt, die alte Frau mit dem runzeligen Gesicht, und wie ihr Gatte, der rund und klein ist und engatmig, lacht und sie antreibt, und wie schließlich — „es ist ja nur zur Erinnerung,“ und anders ist es auch nicht — die beiden alten Leute ein Tänzchen machen. Wie sie junge, rührend junge Gesichter bekommen, alle beide. Wer hat zugesehen und hatte ein Mißfallen daran? Ach, niemand, niemand als der dürre, vertrocknete Professor Kauz, der die Lippen zusammenkniff und den Kopf schüttelte und sagte, daß das Alter zu ernst sei für solchen Tand. Er ist aber wohl niemals so recht jung gewesen, der Arme.

Und da waren außer den Tanzenden noch viele, viele Menschen, die zusahen. Sie saßen an Tischen und aßen und tranken, und gingen umher und unterhielten sich und taten, wie ihnen gefiel. Unter ihnen war Gertrud Cabisius. Wie ihr die Jugendlust durch die Adern strömte. Wie sie alle diese hellen Bilder in sich hinein gehen ließ. Ach, war sie denn seither nicht jung gewesen? Hatte man vergessen, ihr zu zeigen, wie junge Mädchen leben? Hatte sie selber nicht gewußt, daß sie ein junges Mädchen sei? Schlicht und glatt zurückgekämmt trug sie ihr Haar, einfach, fast schmucklos war ihr graues Kleid, ernsthaft, schwer und verständig ihr Denken, pflichtbewußt ihr Sinn. Hohe Ideale trug sie in sich, groß und weit war ihr Anschauen von Welt und Menschen, in wenige, starke und tiefe Züge faßte sich ihr Gemüts- und Herzensleben zusammen. Wo aber war das Weiche, Lachende, Harmlose der Jugend, das Zierliche, Leichte, Beschwingte, das diese Mädchen alle dahintrug, wie es ihr schien?

Gertrud konnte nicht tanzen und sie wagte auch nicht es zu versuchen, so oft auch einer der jungen Männer kam und sie bat. Nein, das konnte sie ja doch nicht. Sie war keins dieser leichten, heiteren Wesen, sie war anders als sie alle. Georg hatte es oft genug gesagt, aber nun sah sie es auch.

Doch, was schadete das? Noch war es Zeit, sich zu freuen, noch war sie ja jung, noch war nichts versäumt. Es brannte etwas in ihr. Heran mit der Freude und herein. Gertrud Cabisius tut ihr die Tore ihres Herzens auf. Es wartet etwas in ihr auf ein großes Werde, wie die Erde am Morgen auf den Sonnenaufgang wartet. Aber schickt die Sonne nicht das Morgenrot voraus? Färbt sie nicht die tausend kleinen mutwilligen Lämmerwölkchen rosig und golden? Es ist ein großer Augenblick, wann die Sonne kommt. Aber es geht nicht in der ganzen Natur so überaus feierlich und ernsthaft zu dabei. Es ist Raum für alles Frohe, Leuchtende, Lachende.

„Ja, das ist ja wahr,“ sagte der Großvater, „das Tanzen, das hast du ja nie gelernt. Rein vergessen hat man das.“ Er sah ein wenig hilflos aus. Zu Hause hatten sie nie an dergleichen gedacht.