Da sah sie das Gitter am Fenster; hinten in der Stube brannte ein kleines Nachtlicht, nur eines Funkens groß. Aus dem anstoßenden Gemach, dessen Tür offen stand, verkündeten kräftige Atemzüge, daß dort jemand schlief, das war die Wärterin. Auf dem Stuhl am Bett lag ein Paket, aus Tüchern zusammengebunden, mit einem Band umwickelt. Da kamen ihr die Gedanken wieder, schreckhaft und schwer. Aber doch anders, als seit langem. Sie griff nicht nach dem Bündel. Die Furcht, die ihr ans Herz kroch, war die Furcht vor etwas Gewesenem. Ob es vorbei war? Ob das abziehende Schatten waren, die wie wogende Nebel durch ihren Kopf zogen? Abziehende und nicht kreisende, die nur einen Augenblick frei ließen, um dann wieder desto fester einzuziehen? Wie war das nur? Sie war so müde, sie konnte kaum eine Hand rühren. Aber als sie so hinaussah in die stille Sommernacht, und das milde Licht des Sterns auf ihr Lager fiel, da versuchte ihr Geist, sich zu regen. Man weiß nicht, was sie erlebte, bis der Morgen kam. Der Arzt sagte, als er die Veränderung sah, das sei von dem Fieber. Aber, sagte er draußen, das helfe nun nichts, denn die Lebenskraft sei am Erlöschen. Das sei hie und da, daß solch ein heller Schein komme vor dem Ende. Denn sie lag mit einem stillen, sanften Gesicht da, und in den Augen war geistiges Leben, kein irres Flackerlicht mehr. Und sie hatte vorhin gefragt, wie das denn sei, sie habe doch zwei kleine Buben, und, nach einigem Zögern, und einen Mann? Die lebten ja doch noch? Und klagte, mit einem Lächeln, das wie um Entschuldigung bittend war, daß sie sich auf nichts recht besinnen könne, ihr Kopf sei so müde. Da ging der Tag so hin, und gegen den Abend sagte sie, schüchtern wie ein Kind, das zaghaft eine Bitte tut, von der es denkt, daß sie ungeheuer sei, — ob das denn möglich wäre, daß die Ihrigen herkämen? Oder ob das gar zu weit sei? Denn sie wußte nicht recht, ob sie in der gleichen Welt lebe mit denen, nach denen ihr aufwachendes Ich mit seinen ersten Regungen verlangte.

Ja, sagte man ihr, das könne freilich wohl sein. Gut könne das sein, sie solle ruhig einschlafen und morgen werden sie wohl da sein, denn es gehe heut in der Nacht noch ein Brief ab.

Siebentes Kapitel

Den folgenden Tag haben die Ehrenspergerskinder mit allen Einzelheiten im Gedächtnis behalten. Es war der Feiertag Petri und Pauli, und sie zogen so recht in der Morgenfrische aus, um den Kirschbäumen in der Wingerthalde einen Besuch zu machen. Jungfer Liese sah ihnen mit Behagen nach. Sie hatte beiden Brüdern tags zuvor das Haar glatt abgeschoren und sie heute, den Kirschbäumen zulieb, in verwaschene Drilchkleider, mit neueingesetzten Ellbogen und Hosenböden gesteckt. Es rührte sie in ihrem eigenen Busen, daß sie dem Herrn Vetter, der ja ihr Nächster unzweifelhaft war, so getreulich „sein Gut und Nahrung helfe fordern und behüten“. „Denn,“ sprach sie zu sich selbst, „wo viel ist, will mehr hinkommen,“ und meinte damit die Ehrenspergershabe, deren Vermehrung sie mit erbautem Gemüt zusah. Sie glaubte nicht befürchten zu müssen, daß ihr dieser erfreuliche Lebenszweck abhanden komme, auch nicht im Fall, daß, wie sie sagte, „unser Herrgott nun richtig ein Einsehen habe, wie das ja an der Zeit sei mit der Frau.“ Denn der Herr Vetter war allmählich ein bißchen bequem, und ein bißchen sehr korpulent geworden, und er ließ sich die brave Fürsorge der Jungfer Liese sowohl für sich selbst als für sein Haus immer behaglicher gefallen. Es muß bezeugt werden, daß sie nicht daran dachte, die Nachfolgerin der ersten Frau zu werden. So hoch verstiegen sich ihre Gedanken nicht. Das wäre ja außer aller Standesordnung gewesen und solche Durchbrechung der bürgerlichen Schranken begehrte sie nicht für sich. Auch war ihr jüngst der letzte breite Schaufelzahn, der noch ihren Oberkiefer geschmückt hatte, entfallen. Das gemahnte ans Altwerden, wie das fallende Laub an den Winterschlaf der Natur. Es sollte ihr lieb sein, wenn alles seinen Gang weiterging, und daß das geschehe, hoffte sie mit Zuversicht.

So waren die Gedanken, die sie den Söhnen des Hauses nachsandte, freundlicher und gedeihlicher Art und kamen auch nicht ans Stocken, als an der Ecke noch Gertrud und Lore sich zu den Beiden gesellten. Warum sollten sie sich nicht Gesellschaft mitnehmen? Die Kirschbäume standen zum Brechen voll, es kam auf ein paar Spatzen mehr oder weniger nicht an. Als die leuchtenden blaugrauen Flicken, das Werk ihrer Hände, verschwunden waren, kehrte sie ins Haus zurück.

Es führte ein steiler Weg zwischen Weinbergen zu der sonnigen Höhe empor, auf der das Baumgut lag. Georg wußte später noch genau, als ob ihm das lebendige Bild vor der Seele stünde, wie ihnen beim Aufsteigen die hellroten Herzkirschen aus dem grünen Laub entgegenleuchteten, gleich einem freudigen, ersprießlichen Lebenszweck, der dem Wanderer zuruft: „Hoch, immer höher, Mühe ist nichts, Schweiß ist nichts, denn hier bin ich, hier oben. Nun komm.“

Das und anderes gehörte für ihn zu dem Inhalt des Tages, der ihm in seinem Verlauf noch einmal und dann nicht wieder seine Mutter zeigte und der ihm darum kostbar vor andern Tagen war. Er konnte es die wenigen Male, die er in seinem Leben davon redete, nur schwer unterdrücken, alle Einzelheiten dazu zu erzählen.

Er mußte von diesem Tag zehren, so oft sein Herz zu seiner Mutter wollte. Da konnte er nichts entbehren, was damit zusammenhing.

Zwei Handwerksburschen ließen sich aus dem Geäst des Schwarzkirschenbaumes fallen, der weiter hinten, dem Waldrand zu, stand, als sie die Kinder kommen sahen. Vielleicht vermuteten sie ein Gefolge von Erwachsenen hinter ihnen. Da verlor einer von ihnen beim Herabgleiten seinen einen durchlöcherten Stiefel, der ihm schlapp genug um den Fuß gehangen haben mochte. Den warfen sie ihm in hellem Mutwillen nach. Dann ging es über die Kirschbäume her. Lore blieb unten stehen und zog, auf den Zehenspitzen stehend, einen niedrig hängenden Zweig um den andern zu sich heran, um ihn abzuernten. Dann setzte sie sich in den Schatten und wartete, bis ihr die andern hie und da eine Handvoll Kirschen ins Gras warfen. Es lag von Anfang an nicht in ihrer Art, auf Bäume zu steigen. Gertrud saß oben in dem großen Herzkirschenbaum, Georg gegenüber. Hoch über ihnen beiden kletterte Franz in den äußersten Zweigen, wo die süßen Früchte in der Sonne kochten. „Du,“ sagte Georg unter’s Essen hinein, „muß dir was sagen. Meine Mutter ist krank, anders, weißt du, als vorher. Sie liegt im Bett und hat immer die Augen zu. Jungfer Liese hat’s zur Frau Metzger Konz gesagt. Vielleicht stirbt sie; wahrscheinlich stirbt sie, hat sie gesagt.“ „Wie die meinige.“ Gertrud nickte sachverständig. „Guck’ einmal, da sind lauter Zwillingskirschen, die kann man sich an die Ohren hängen. Streck’ mir deinen Kopf herüber, so, noch ein bißchen näher, jetzt hast du Ohrringe. Wart’ einmal, ich hänge mir auch an.“ Da fing sie an zu lachen. „Weißt du, wer wir jetzt sind? Der Kaufmann Henne und seine Frau. Guten Morgen, Mann. Du, weißt du, warum die immer so große goldene Ohrringe tragen, er und seine Frau und seine Söhne, und glaub’ ich noch die Magd? Soll ich dir’s sagen? Ich weiß es von Frau Judith; aber man weiß nicht, ob es auch so ist. Also: da war einmal einer von ihnen, glaub’ ich, sein Großvater, der war so krank, daß ihm kein Doktor mehr helfen konnte; er mußte bald sterben und das wollte er noch nicht. Da ging er in den Wald und setzte sich unter einen Baum und seufzte ganz laut und sagte so vor sich hin: „Wenn es doch nur etwas gäbe, das mir die Krankheit aus dem Leibe zieht. Da stehen die Kräuter um mich herum und sind stark und frisch. Wer weiß, was sie für Kräfte haben? Warum muß ein Mensch krank sein? Das ist etwas Fremdes, Böses. Das ist wider die Natur.“

Da regte sich etwas neben ihm, und was er für eine große Baumwurzel gehalten hatte, war ein altes Männchen. Das stand auf und stellte sich vor ihn hin und sagte: „Da hast du recht. Krank sein muß einer nicht. Aber die Kräuter tun’s nicht. Da hilft nur das lautere Gold, das ganz tief aus der Erde kommt.“ Da griff es in seine Kitteltasche und holte ein paar große, goldene Ohrringe heraus. „Die mußt’ du in den Ohrläppchen tragen,“ sagte er. „Die ziehen dir die Krankheit aus dem Leibe. Das reine Gold verzehrt alle bösen Säfte.“