Der alte Kaufmann Henne besah sich die Ohrringe. Sie waren groß und schwer, kein Mensch trug solche. Was würden die Leute sagen zu dem sonderbaren Schmuck? Aber das war ja doch einerlei. Wenn man darum gesund wurde. Da stach er sich Löcher in die Ohren und hängte die Ringe hinein. Und, sagte Frau Judith, dann sei er ganz stramm und aufrecht nach der Stadt zurückgekehrt und habe noch lang gelebt.

Seither müssen alle Hennes solche Ringe tragen. Zuerst, wenn sie geboren werden, kleine, und dann immer größere. Wenn einer stirbt, begräbt man seine Ohrringe besonders in der Erde. Ein Jahr lang, dann sind sie wieder zu gebrauchen, dann hat die Erde alles angezogen. Da war eine Tochter von dem vorigen Henne, die wollte nicht anders sein als andere Leute und hängte sich die Ohrringe aus, wenn sie aus dem Haus ging. Die wurde krank und starb.“

„O du,“ sagte Georg, „die wäre wohl ohnehin gestorben.“ Er nahm sich den hängenden Schmuck von den Ohren und aß ihn auf. Er war ihm nicht mehr recht geheuer. „Das ist wohl nur so eine Geschichte.“

„Was für ein Unsinn,“ sagte Franz, der auch zugehört hatte, „damit ist gar nichts anzufangen. So ist’s: Als der alte Henne, der vorige, das Haus baute, da drang das Grundwasser vom Stadtbach her in den Keller. Da war alles feucht im Haus und sie kriegten alle miteinander entzündete Augen, nur der Knecht nicht, der hatte kleine, goldene Knöpfchen in den Ohren von seinem Taufpaten her.

Da sagte der alte Henne: „Ist wenig Gold gut, so ist mehr besser,“ und ließ gleich für die ganze Familie Ringe machen, wie ein guter Schlüsselring in der Größe. Da wurden sie gesund, und jetzt ist das Haus lange trocken, aber jetzt sind sie’s gewöhnt.“ „Ja, und wenn sie einer ablegt, dann zieht ihm irgend was aufs Herz. Die Entzündung,“ sagt Jungfer Liese, „und dann stirbt er.“

„Ach, das ist ja einerlei,“ sagte Gertrud. „Das sind alles so Geschichten. Willst du gleich die Steine heraustun, Franz! Wenn man einen Kirschenstein schluckt, wächst einem ein Baum im Magen. Der zersprengt einen, dann muß man sterben. Das sagt Frau Judith.“

„Ach, immer mit eurer Frau Judith. Immer mit eurem Sterben.“ Franz war ein bißchen erschrocken. Da tat er ärgerlich: „Wenn ihr sonst nichts wißt.“

„Die Mutter muß auch,“ sagte Georg. Das ging ihm heute so neben allem her. Nicht als Schmerz gerade. Er war jetzt zehn Jahre alt und als sie von ihren Kindern ging, in das dunkle Haus ihrer Seele, da war er erst zweijährig gewesen. Die paar schattenhaften Züge, die noch von ihr in seinem Herzen lebten, waren immer blässer geworden. Da hatte er angefangen, sich ein neues Bild von ihr zu schaffen; abends, wenn er im Bett lag. Das bekam von ihm alle schönen freundlichen, starken und liebenswerten Züge zugeteilt, die er irgend an andern Menschen sah. Aber auch die Menschen seiner Umgebung arbeiteten an dem Bild, und fügten traurige, mitleidenswerte, grausige und sogar schuldige Züge hinzu. Da mit einem Wort und dort mit einem. Das gab eine Mischung von Wonne und Grausen in die Gedankenwelt des kleinen Buben hinein. Es war nur ein Traumbild, das ihm sterben wollte. Aber es war ihm nun doch, als ob er nie mehr abends unter der Decke seine stillen Fäden in Furcht und Liebe zu diesem Bild hin spinnen könne. Es gab doch auch eine Leere. Er wußte nichts, das an dessen Stelle treten könne. Er konnte mit niemand davon reden; am Tag dachte er auch nur selten daran; nur heute ging der Gedanke so mit ihm. Darum fing er immer wieder davon an.

„Das kann man noch nicht wissen,“ sagte sein Bruder Franz. „Wir müssen noch Kirschen brechen zum Heimbringen. Gib einmal den Korb herauf, Lore.“

„Lore! Die schläft ja wohl?“ Nein, das tat sie nicht. Sie hatte sich aus den trockenen, harten Kirschen eine breite, prächtige Halskette gemacht, immer einen Stiel neben den andern mit rotem Garn gebunden. Die hatte sie nun umgehängt, gerade als sie gerufen wurde. Das mußte zuerst in Ordnung sein.