„Sie haben schon gegessen,“ sagte Gertrud. „Reisbrei mit Zucker und Zimt,“ sagte Ernst, der Älteste und verzog das Gesicht in der Erinnerung zu einem Lachen, das ihn seiner Mutter ähnlich sehen ließ. „So? Dann geht zu Bett. Dann wollen wir alle schlafen. Seht ihr’s? Das Kleine schläft schon.“

Sie legte sich müde hin. Da gingen sie auf den Zehen hinaus, aber das konnten sie nicht verhindern, daß es dennoch polterte, besonders, als sie die leiterartige Stiege zu dem Verschlag erklommen, in dem sie schliefen, alle drei.

Droben wehte der Wind durch den engen Raum, rüttelte an den zwei kleinen, vergitterten Fenstern, die gleich über dem Boden angebracht waren, suchte sich seinen Weg zwischen den Dachziegeln und Sparren durch, nahm so recht die Backen voll, huh —, als Gertrud die Tür öffnete und die Kinder hineinschob. Sie sah etwas bedenklich drein: hier sollten sie schlafen? Im Sommer hatte sie nie etwas daran gefunden; es war ein prächtiges Schwalbennest, so hoch oben, weit über den Glocken. Aber nun; würde es die Schwälbchen nicht fortwehen heut Nacht bei dem Unwetter? Den Buben kam es lustig vor, auf drei steckten sie schon unter der Decke, nur die Stumpfnasen und die hellen Augen guckten heraus. Der Große und der Kleine lagen beieinander in einem großen Bett, Leonhard allein in einem Gitterbettchen. „Still, der Vater läutet.“ Da rührte sich nichts mehr. Alle vier horchten sie still.

Der Sturm brauste durch die Lüfte, er sang und pfiff und orgelte und riß die Wollen herum, daß sie angstvoll flogen, flogen wie scheue, gejagte Vögel. Und dazwischen fand die Glocke ihren Weg. Sie hatte ihren ganz eigenen, starken Ton in dem großen Konzert, das über das Städtlein hin hallte. Wie eine einzige Singstimme, die über einem ganzen Orchester liegt. Gertrud neigte den Kopf horchend vor. Wie anders läutete der Mann, als vor zwei Jahren noch. Oder lag das an ihrem Zuhören? „Aus tiefer Not laßt uns zu Gott von ganzem Herzen schreien.“ Hieß so der Choral, den die Glocke in den Sturm hinein sang? Oder war auch etwas Freudiges dabei? Etwas Starkes, Ausweitendes einmal sicherlich. Gertrud fühlte es, o das war gut, das war besser als alles Weiche, Laue. Da fuhr eine Helle durch die Kammer. Unter die Decke mit den Bubenköpfen, alle drei in einer Sekunde. Aber sie streckten sie sofort wieder hervor. „Es hat geblitzt.“ Ja, das hatte es. Nun kam auch schon der Donner. Von fern, fernher kam er auf schwerem Wagen gefahren. Nun war er über ihren Häuptern, da schien er zu bleiben. Wollte er denn nicht mehr aufhören? War das eine Stimme. Riesenhaft überschrie sie den Sturm: horchet alle, ihr da unten. Still, wenn ich zu reden habe. In der Kammer war es dunkel geworden, schon während des Läutens. Aber nun kam ein Meer von Helle herein, ganze Lichtfluten, die warfen sich gegen die Wände, und zogen sich wieder zurück, und kamen wieder, hell — dunkel — hell — dunkel. Und darüber die machtvolle Stimme, vor der der Sturm zu schweigen schien.

„Dote, komm zu mir.“ Leonhard saß mit großen, angstvollen Augen in seinem Bett. Als sie sich zu ihm herunterbeugte, schlang er beide Arme um ihren Hals: „Bleib da, bleib bei mir.“

Er barg sein Gesicht an ihrem Hals. Da durfte es auch bleiben. Sie kniete an dem Bettchen nieder: „So, du kleiner Kerl, komm.“ Da sahen sie miteinander in das Wetter hinein und war keines von ihnen allein und der blonde Kopf wühlte sich nur fester in die beschützenden Arme hinein, wenn der Donner stark und neu seine Stimme erhob.

Das war ein Blitzen, grell und hell. Die ganze Stadt und die Berge ringsum und der Wald, alles lag sekundenlang taghell da. Es wollte nicht regnen, so tief die Wolken hingen, nur hie und da fielen einzelne Tropfen, wie schwere, zornige Tränen. Als ob die ganze Natur, wie ein gescholtenes, trotziges Kind, mit dem Fuß aufstampfe und das Weinen verbisse.

„Dote, du, hör, ist es wahr, daß der liebe Gott zornig ist und zankt, wenn es donnert? Ich — ich fürchte mich ein bißchen.“ „Ich auch,“ das kam aus dem großen Bett, in dem die beiden andern Brüder einander fest umschlungen hielten, aus Not, nicht aus Zärtlichkeit. Unter der Decke hervor kam es, kläglich und halb erstickt von dem Federgebirge, das sie sich über den Kopf gezogen hatten.

Dann noch einmal: „Fürchtest du dich auch, Dote? Du?“

Es blieb eine Weile still. Die Buben horchten begierig hin. Aber beim nächsten Blitzen sahen sie in ein helles, warmes Gesicht.