„Geh’ nur.“ Meister Nössel saß neben dem Rektor und beide hatten sich eine Pfeife angezündet. „Wir sind hier gut versorgt, bis du wieder kommst. Was können wir Alten anders tun, als uns bescheiden? Geh’ nur.“

Da zog sie mit den drei Buben ab. Die hatten gestrickte Sturmhauben über die kurzgeschorenen Köpfe gezogen und trabten, die Hände in den Hosentaschen, lustig durch das Wetter. Heißt das, der Älteste und der Jüngste taten so. Der Älteste war ein kräftiger, untersetzter Bub, der schon den Bücherranzen auf dem Rücken trug und seine Stumpfnase keck in die Welt streckte. Er machte gescheite Bemerkungen über alles und jedes und der Jüngste, der sein verkleinertes Abbild war bis zu den etwas krummen Füßen herunter, sah stolz zu ihm auf und mühte sich, mit ihm Schritt zu halten. Der mittlere von den Brüdern ging dicht neben der Patin, und nach einiger Zeit zog er eine Hand aus der Tasche und hielt sich damit an Gertruds Rockfalten. Er war ein feines, blasses Bübchen mit versonnenen Augen und etwas zaghaftem Wesen. „Ich weiß nicht, wie ich zu dem komme, ich weiß gar nicht, wie ich ihn unterbringen soll,“ pflegte Frau Lieselotte zu sagen, wenn sie von ihren Buben sprach. „Er gleicht weder meinem Mann noch mir im Geringsten, er hätte müssen ein Mädchen werden, als Bub ist er völlig aus der Art geschlagen.“

Aber gerade diesen Zweiten hatte Gertrud besonders ins Herz geschlossen. Die Freundschaft war gegenseitig und sie war in letzter Zeit besonders gewachsen.

„Komm, Leonhard,“ sagte Gertrud und nahm die kleine, warme Kinderhand in die ihrige. „Guck, wie die Wolken fliegen; ganz tief hängen sie herunter, schier um den Turm herum.“

„Wohin fliegen sie?“, wollte der Bub wissen. Aber das konnte die Patin auch nicht sagen. „Wir steigen schnell hinauf, von droben aus sieht man’s besser, weit fliegen sie jedenfalls, über die Berge hin, vielleicht bis ans Meer. Dort kommen sie her; sie werden wieder heim wollen zu ihrer Mutter.“

„Komm.“ Nun strebte Leonhard selber vorwärts, den Brüdern nach, die schon im Turmeingang verschwunden waren. Man hörte ihre Stiefel dröhnend poltern, die vielen Stufen der Schneckentreppe hinauf. Er wollte auch heim zu seiner Mutter. Er hing an der heiteren, raschen, lebhaften Frau, er konnte es nur nicht so zeigen, er war ein wenig scheu. Seit sie aber krank war und im Bett lag, stahl er sich hie und da zu ihr hin und strich über ihre Decke. Da nickte sie ihm dann ein paar mal zu: „Du bist mein gutes Büble.“ Dann war sein Herzlein voller Glück. Das war früher nicht vorgekommen.

Jetzt waren sie oben. Vater Entenmann stand oben an dem hölzernen Treppchen. „Leise,“ sagte er, „es ist am besten, ihr geht gleich oben hinauf in eure Kammer. Die Mutter hat’s heute schwer gehabt und will jetzt schlafen. Das Kleine schläft auch.“ Da erblickte er Gertrud, die hinter den Kindern drein kam. Sie sah, daß er Kopf und Schultern ein wenig schlaff und müde trug und daß sein Gesicht sorgenvoll aussah.

Er nickte ihr zu, ernst und trübe. „Es ist ein Kreuz, es will gar nicht besser kommen. Wo will das noch hinaus? Ich muß jetzt zum Läuten gehen; ich wecke sie wieder auf damit; sie hat sich eben zum Schlafen hingelegt.“

Da kam Frau Lieselottes Stimme aus der Stube; die Tür war nur angelehnt: „Jammere doch nicht so, Mann. Die Kinder sollen mir gute Nacht sagen. Herein, ihr Buben.“

Sie traten ans Bett und waren überfroh, daß sie noch hinein durften, und daß die Mutter aussah, wie sonst, ja, noch ein wenig lachen konnte. Sie wußten nicht, daß dieses kleine Lachen und jedes arme Wort, das sie zu ihnen sagte, ein Stück Arbeit sei. Sie sollten es auch nicht wissen. Sie sollten ihre heitere Mutter sehen, so lang es sein konnte.