„Und hältst doch die Welt an deinem Herzen. Das mußt du, aus dir selbst heraus mußt du das. Du hast sie gemacht. Auch mich. Ein Recht haben wir an dich. Du mußt uns Leben schaffen, denn du riefst uns.“

Schwächer rollte der Donner, fernehin zog er und verhallte, leise fing es an zu regnen und hörte bald wieder auf und es wurde stiller. Es war, als ob jemand dem geschlagenen Kind, der Erde, die Tränen abtrocknete, und zu dem Donner und dem Wind sagte: Nun ist es genug, nun laß sie schlafen. Fernehin zogen die Blitze, ein paarmal noch zuckte es auf, drüben am Horizont; es war, als würde das Licht weiter getragen, um nun in eine andere Kammer zu leuchten. Zwischen den Wolken hervor drängten sich ein paar Sterne, stille, friedlich brennende Lichter der Nacht: Nun schließt getrost die Augen, ihr Menschen, nun sind wir da und wachen.

Tiefe, lange Atemzüge. Gertrud kam mit ihren Sinnen in die Kammer zurück und wurde gewahr, daß Leonhard schwer in ihrem Arm lag und die Augen geschlossen hatte und schlief, und daß die beiden Brüder, drüben in dem großen Bett, auch schliefen. O, ihr Kinder. Sie mochte sich nicht rühren. Wie warm und traut war es, die Ärmchen um den Hals zu fühlen, wie tief und friedlich kam der Atem aus der kleinen Brust herauf. Aber nun machte sie sich doch leise los. „Bleib bei mir,“ das kam aus tiefem Schlaf heraus, dann ein Seufzer, nun lag der Blondkopf auf dem Kissen und schlief weiter.

„Es ist doch schön, wenn jemand ‚bleib bei mir‘ sagt, und wenn es auch nur ein Kind ist. Und wenn es auch nicht meines ist. Ich will gehen und Frau Lieselotte gute Nacht sagen, und will ihr sagen, daß ich mich um die Kinder, — ach nein, ich will ihr nichts sagen, sie soll gesund werden und ihren Reichtum behalten; heimgehen will ich und den Großvater pflegen. Wer ist so gut und liebreich, wie er? Und will für ihn — für Georg will ich —“

Da dröhnte das Treppchen von Vater Entenmanns schweren Tritten. „Still, sie schlafen alle. Ich komme. Das war ein Wetter. Aber nun ist es vorüber.“

„Ich wollte längst nach euch sehen, aber ich konnte nicht abkommen. Das Kleine schrie, und die Frau brauchte mich. Es ist ein Leid, Gertrud; sie trug uns alle, so lang sie gesund war, es gibt keine so frische, heitere Frau mehr wie sie. Nun liegt sie so da.“

„Sie trägt euch noch immer; sie hat Mut und Vertrauen, das ist es; das hat sie auch jetzt noch. Sie weiß, daß es uns nicht ziemt, Ihm Vorschriften zu machen, wenn wir’s uns auch freilich manchmal anders wünschen, als es kommt. Ich wußte nicht, was an ihr ist, ich weiß es erst, seit sie krank ist.“

Er ließ den Kopf sinken. „Es ist nicht leicht. Und dann das Wetter heut abend. Das ist so ungewöhnlich um diese Zeit. Er bedeutet sicher etwas Schlimmes. Es ist nicht genug an dem, was schon ist, es muß noch mehr kommen. Die Wolken hingen so tief herunter, fast zum Fenster herein. Um den zweiten Advent, Gertrud. Was sagst du dazu?“

„Was ich sage? Wir sollten es machen wie die Kinder. Du solltest sie schlafen sehen. Unter Blitz und Donner sind sie eingeschlafen, weil ich sagte, es sei nichts zu fürchten. Was wissen wir von Zeit und Unzeit? Ich glaube nicht, daß etwas zur Unzeit über uns kommen kann. Wenn wir das sicher wüßten, dann bedeutete alles etwas Gutes.“ Er mußte sie ansehen. Als er ihr die Treppen hinableuchtete und der Strahl seines Lämpchens ein paarmal ihr Gesicht traf, staunte er, wie es ernst und doch froh war, und wie sie den Kopf und die ganze Gestalt aufrecht trug, hoch und sicher, und doch so warme, kindliche Augen hatte.

„Ein wenig besonders war sie immer, aber nicht so wie jetzt. Schön kann man sie nicht heißen,“ — Konrad Entenmann, Flickschuster und Nachtwächer, hatte so gut wie andere Leute seine besondere Anschauung über die menschliche Schönheit, — „das nicht, aber es ist etwas an ihr. Ich weiß aber nicht, was es ist.“