Er wußte nicht, daß die Freude an ihr Herz getreten war und es leise angerührt hatte. Die rechte, echte Freude, die nichts bringt, als sich selbst, die an das Leben glaubt und in sich selber Teil daran hat, obgleich sie nichts zu besitzen scheint, die aus ewigen, unversieglichen Quellorten kommt. Noch war sie zaghaft und still, noch stritt das Heer der dunklen Geister um den Vorrang. Aber zuweilen stieg sie aus dem Grund der Seele empor und trat bis in die Augen, da kam ein warmes Leuchten hinein. Da freute sich, wer hineinsah; wie sich einer freut, der im Tal wohnt, wo noch die Schatten liegen und der hoch am Berg ein Fenster aufblitzen sieht wie von Feuer, weil die ersten Sonnenstrahlen darein geflogen sind.
Drittes Kapitel
„Streck dich nach vorn aus allen Kräften — im Zeitstrom, der vorüberrauscht — vorüberrauscht, vorüberrauscht — klapper, klapper — nun standen die Räder. Eine hohe Halle, ein Menschengetriebe, ein Sausen und Brausen von der großen Stadt her, ein einsamer Mann, der aus dem Wagen stieg und sich hineinwagte in den „Zeitstrom, der vorüberrauscht.“ Fest und still sah sein Gesicht aus. Nun galt es; es galt, Ernst dahinter zu setzen. Das wollte er auch und nichts anderes. Aber da fiel es ihm ein, daß ja doch sehr viel schöne Dinge, helle, lichte Wellen in diesem Zeitstrom seien. Darüber mußte er sich ja doch wohl freuen dürfen. Also Kopf hoch und die Arme gereckt: komm her, du reiches Leben.
Nun mußte zuerst eine Wohnung gesucht werden. Er hatte bisher immer in engen Gassen gewohnt; man denke an Frau Mollenkopfs Stube, und dann in Tübingen. Diesmal nun sollte es aber etwas anderes sein. Da geriet er in ein Prachtsgebäude, er mußte allen Mut zusammennehmen, um den Hausmeister zu fragen: Hier sei ein Zimmer mit gutem — vorzüglichem stand auf der Wohnungsliste — Klavier zu vermieten? und wohin er sich da begeben müsse? Der Hausmeister führte ihn in den dritten Stock. Frau Amtsgerichtssekretärswitwe Habermaas. Glänzende, polierte Treppen, dicke Läufer darauf, farbige Scheiben in den Treppenfenstern. Das Zimmer oben, das zu vermieten war — rote Plüschmöbel, große Öldrucke in breiten Goldrahmen, hohe Alabastervasen mit künstlichen Sträußen links und rechts von dem geschliffenen Spiegel, der diese Pracht widerstrahlte. Die Dame sehr majestätisch, dick, so um die vierzig herum, hatte lockig frisiertes Haar, eine Schmelzgarnitur auf der Brust, eine goldene Brille auf. „Ah, Musiker, angehender Künstler? Das trifft sich“ —. „Bitte, nein, so dürfen Sie nicht sagen.“ Aber es war nicht aufzuhalten, Georg mußte erfahren, daß die Dame „nahe daran“ gewesen sei, sich gleichfalls „dieser Laufbahn“ zu widmen. „Welcher Laufbahn?“ fragte Georg, aber sie sprach schon weiter. Ebensogut hätte er den Uracher Wasserfall aufhalten können. Das sei ausgezeichnet; der Herr könne versichert sein, daß sie — Verständnis und so weiter. Er wagte nicht, das Zimmer nicht zu nehmen, er nahm es. Aber es war ihm wind und weh darin. Als sie ging, wurde es besser. Er sah aus dem Fenster. Da unten wogte der Menschenstrom vorbei; es klingelte, tutete, schwirrte, es fuhr mit Wagen, Straßenbahnen, Rädern; eine Abteilung Militär ging vorbei, da, schräg hinüber über den Platz, da war ein Schilderhaus, ein Posten wurde abgelöst, weiter. Ein großer Brunnen ließ vielstrahlig seine Wasser springen, schön abgezirkelte Blumenbeete rings herum, Sonne lag darauf. Irgend etwas rauschte wie von ferne; das war aber wohl in seinem Kopf, — „im Zeitstrom, der vorüberrauscht.“
Er wandte sich nach innen. Das Klavier war gut, das war die Hauptsache. Die Öldrucke hätte er gern von der Wand genommen, aber das wagte er doch nicht. Die Dame war so überaus imposant, so liebenswürdig sie auch war. Sie kam wieder und fragte nach seinen Wünschen. Dann: „werden Sie wohl Stunden geben? Singstunden? Nein? Ah, Sie studieren noch. Wäre es unbescheiden, zu fragen, was Sie —“, mit sechs Fragen hatte sie alles aus ihm heraus. Er war machtlos, er mußte es sagen, wonach sie fragte. Theologie studiert? und umgesattelt? was, um zu komponieren? — eine ehrfurchtsvolle Neigung des Kopfs und der Schultern, dann ein neckisches Lächeln: „Der Herr ist noch nicht verlobt, da kann man schon“ —. Er hätte sie hinauswerfen mögen, aber er sagte mit innerem Zähneknirschen: „Doch, ich bin, das heißt, beinah,“ er stotterte. Wieder das Lächeln; als verstehe sie alles von ferne. „Aha, und das hängt dann wohl mit dem Wechsel zusammen?“ Da stieg ihm der Grimm doch bis in den Hals. „Ich bin evangelisch,“ sagte er grob. „Bei uns können die Pfarrer heiraten. Sie sind wohl katholisch?“
Sie sah ihn wieder lächelnd an. „Der Herr hat eine Künstlernatur, das flammt leicht auf. O, ich verstehe.“
Wenn sie doch nur irgend etwas nicht verstanden hätte. Aber sie verstand alles. Es war zum davonlaufen. Und das tat er auch. Das war das erste, was sie nicht verstand, als er nach einem Monat umzog. Aber sie faßte sich. „So sind die Künstler. Immer Veränderung. Der Herr will in eine einfachere Gegend ziehen? Ah, ich verstehe, es ist wegen der Stille. Ja, still ist es hier, in der Mitte der Stadt, nicht. Das versteh’ ich so gut.“
Da konnte er ja ruhig gehen. Er hatte bereits eine neue Stube gefunden. Draußen lag sie, am Rand der Theresienwiese, vier Stock hoch, frei, still und mit einem weiten Blick über das Isartal hin, bis ans Gebirge. Einfache Möbel, aber sauber, einfache Leute.
Die Hausfrau fand er, als er kam, in dem Gemüsekeller, von dessen Ertrag sie lebte, umgeben und umhangen von Rot- und Weißkraut, Zwiebel- und Knoblauchkränzen, Rettichen, Tomaten und allerhand Rüben. Da saß sie, rund, rot und frisch glänzend, wie eine Schnecke in einem Salatboschen und strickte an einem Strumpf. Viele Worte verlor sie nicht. „Emerenz,“ sagte sie und drehte den Kopf ein wenig, „Emerenz, zeig dem Herrn den Weg. Er hat das Zimmer gemietet.“ Da fand es sich, daß noch ein lebendes Wesen in dem Raum war, sozusagen ein junges Schnecklein, das in einer andern Falte des Salatboschens gesessen war.
Es war ein schmales, schlankes, bräunliches Ding von vielleicht elf Jahren, hatte das Ende eines schwarzen Zopfs im Munde und ergriff einen Schlüsselbund. Mit diesem rasselte sie einladend.