Dann stiegen sie mitsammen hinauf.
Als sie oben waren, steckte der Schneider, der auf dem gleichen Boden wohnte, den Kopf heraus. „Na, Emeritz, vermietet?“ Sie lachte vergnügt. Sie war nicht im mindesten scheu. Das Zimmer war zwei Monate leer gestanden und daran hatten ihre Freunde, die Schneidersleute, teilgenommen. Das war eine Sache von Wichtigkeit. Der neue Herr war hier nicht so beklommen, wie bei Frau Habermaas. „Emeritz, sagen Sie?“ „Ja.“ Der Schneider lachte. „Ist sie nicht grad so ’n Vögelchen? Ich streu’ den Emeritzen den ganzen Winter Futter hinaus, da kommen sie immer an mein Fenster. Aber ich sag’ sie ist auch so. Sie ist so leicht und flink und hüpft so und hat so schwarze Augen, alles wie ein Emeritz. Ha ha.“ Dann schlug er die Tür zu, machte sie aber gleich nochmals auf: „Wünsch’ gute Angewöhnung.“ Ja, das kam dem neuen Herrn selbst so vor, als ob er sich gut angewöhnen würde. Emerenz war schon drin. Sie ging auf knarrenden Stiefelsohlen, deren Musik ihr offenbar Vergnügen zu machen schien, hin und her, tat rasch und leicht die kleinen Dienste, die der Einzug verlangte. Dann nahm sie den gläsernen Wasserkrug und ging, ihn zu füllen. Krach, flog die Stubentür und dann die Glastür zu. „Das,“ dachte der neue Herr, „muß ich ihr abgewöhnen.“ So, schon wieder erzieherisch? Er mußte lachen, als es ihm einfiel. „Ich hätte Schulmeister werden sollen.“ „Ja, das kannst du ja noch. Du kannst ja nun Musiklehrer werden,“ sagte sein Inneres. Aber da schüttelte er sich. Sein eigener Musiklehrer fiel ihm ein, ein ganz feiner, vornehmer Musiker; der war zerschunden und verbraucht vom Stundengeben. Immer wieder von vorne an, Tonleitern und Fingerübungen. „Nein, das könnte ich nicht.“ Das sagte er laut. Er wußte ja, was er wollte, zuerst und vor allem komponieren. Damit hatte er ja schon begonnen. Aber ob es damit allein ging? — „Ach, zum Donnerwetter, muß denn immer irgend ein Zweifel sein?“ Da ging er ans Klavier und öffnete es. Noten hatte er noch nicht da, aber das tat nichts. Er mußte sich nur ein wenig Luft machen und mitten in den breiten Akkorden, die er versuchsweise anschlug, kam ihm eine kleine, hüpfende Melodie zwischen die Finger. Er mußte lachen. Das war Emeritz. Er beschloß, sie auch so zu nennen, der Name gefiel ihm. War sie nicht mehr da? Doch, da stand sie, mitten in der Stube, und horchte. „Hör einmal. Weißt du, wer das ist? Das bist du.“ Da riß sie die Augen mächtig auf. „Ich? bin ich denn im Klavier drin?“ „Ja, du, da ist die ganze Welt drin, die will ich nach und nach herausholen.“ Ha ha. Der neue Herr, das war ein „gspassiger“. „Ist denn die Mutter auch drin? und der Schneider? holen S’ den auch einmal heraus.“
Da holte er den auch. Er war ein großer, starker Mann, mit einem Körper wie ein Schmied, aber mit einer weichen, hohen Stimme und einem Schelmengesicht, grauem Haar und Stoppelbart. — Sieh, da schritt er über die Tasten, schweren Schrittes und stolperte ein wenig, — „ist sie nicht wie ein Vögelchen?“ sagte er. Emeritz war außer sich vor Vergnügen. Das konnte lustig werden. Wupp, war sie draußen, knallte die Tür zu, dann hörte Georg sie drüben. Der Schneider wohnte Wand an Wand mit ihm. Sie redete eifrig. Dann kamen verschiedene Schritte, schwere und leichte. Und als es klopfte — herein — da stand Emeritz und lud mit einer Handbewegung ein. „Das gibt ein Gaudi,“ sagte ihr Gesicht. Da stand der Schneider und zwei Buben drängten sich neben ihm in der Türöffnung, und hinter ihnen sah ein dünnes, spitzes Gesicht hervor. Was? Die Spitalbäbel von Wiblingen? Nein, doch nicht. Aber so ähnlich. Jungfer Roggenbart, die Patin der Buben; sie hielt ein zerrissenes Hemd in der Hand und hatte den Fingerhut auf. Sie war am Flicken.
Na? Georg war doch etwas überrascht. Fing das so an? Das war doch ein wenig —. Aber da sah er, wen der Schneider in den Armen hielt. Ein Bübchen, so um sechs oder acht Jahre herum, blaß und elend, der Kopf lag an des Vaters Brust und die Augen, — weitoffen und glanzlos — er war blind.
„Ach, verzeihens, aber die Emeritz, ha ha, sie hat gesagt, — es ist aber doch gar zu keck, — der Herr, der hole uns alle aus dem Klavier heraus. Ha ha. Da hab’ ich gedacht — der Bub, der Theodor, das ist sein Leben, wenn er Musik hört. Er ist mein Jüngster und das Weib ist gestorben.“
Ja, natürlich durften sie hereinkommen. Sie sollten nur alle Platz nehmen, das sei dann die Einweihungsfeier. Da kamen sie, Jungfer Roggenbart machte tausend Komplimente, schließlich aber saß sie auf einem Stuhl und versuchte sich noch dünner zu machen, so, dachte sie, nehme sie wenig Platz weg.
Aber dem Herrn war es nun plötzlich nicht mehr um eine Spielerei zu tun. Das blinde Kind, und dann die kleine Gemeinde, die da so selbstverständlich saß, war das ein Zeichen, daß er nun dennoch den Geringen, Armen dienen solle, er mochte tun, was er wollte? Es schien ihm plötzlich so. Den Kindern an Jahren und den Kindern am Gemüt. Wie hatte er, damals im Wald, zu Lore gesagt? „Auch die Kunst hat ein Priestertum. Auch sie vermittelt das Göttliche an die Menschen.“ — O du Pfarrer, hatte Lore gesagt.
Da nickte er ihnen rasch zu, warm und freundlich, und spielte ihnen vor, was ihm einfiel, eine Haydnsonate, und dachte nicht, daß sie das am Ende nicht verstehen könnten. Als er sich einmal flüchtig umsah, sah er in andächtige Gesichter und spürte einen guten Geist des Aufhorchens, der belebte ihn sehr und er nahm mit ihnen die kinderreinen Töne in sich hinein.
Sie sagten nichts, als er geendet hatte, aber er sah, daß ein feiertägiges Gefühl in ihnen war und daß das blinde Kind ein feines Rot auf dem Gesicht hatte, das ging spielend auf und ab und bis unter das blonde Haar. War es etwa nichts, ein solches Rot der Freude in ein solches Gesicht zu bringen? Ja, das konnte er fühlen: dies war ein guter Anfang. Möchte er nur immer so offene Zuhörerschaft haben, auch wenn er etwas Eigenes zu geben hatte.
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