Sie gaben ihm viel damit, daß sie von ihm nahmen.

Wenn ein schwerer, reicher Mensch seine Fülle mit sich herumträgt: Gedanken und einen Widerhall von der großen Weltharmonie, dann kann ihm nichts Besseres widerfahren, als daß eine hungrige Menschenseele — oder ihrer etliche — sich, bereit und herzlich willig zum Empfangen, vor ihn hinstellt: Nun tu dich auf und laß regnen, denn ich bin ein dürres Land, das des Segens bedarf.

O, wer von uns fordert, der gibt uns überschwenglich viel. Gemeinschaft gibt er uns, und Teil an der Menschheit, deren Glied wir sind, und Teil am Leben, dessen Kind wir sind. Das alles geben sie ihm, der vergeblich versuchte, mit Seinesgleichen Verkehr, verstehenden Umgang zu pflegen.

Nach den Besten unter denen, die mit ihm desselben Weges gingen, verlangte es ihn je und je. Aber es war wohl seine Art so, sein Schicksal oder wie man das nennt: er konnte sich gerade ihnen nicht aufschließen.

Er hatte gedacht in das gelobte Land der Gleichstehenden, Gleichempfindenden zu kommen, als er nach München ging. Da spukte noch das Bild herum, das ihm Hollermann einst gezeichnet hatte: ein aufgetanes Tor, durch das sie alle schritten, bärtige Männer und Jünglinge. Und alle, alle machten Musik. Den ganzen Tag nichts anderes.

Ja, Musik. Aber er war in seinem Leben noch nicht so allein gewesen, als gerade unter ihnen. Das lag wohl an ihm selbst. Aber darum war es doch so.

Er nahm ein paarmal einen Anlauf.

Einmal, im Winter, fing er an, sich, schüchtern zuerst, dann nach und nach mutiger, an einen Lehrer anzuschließen. Der war ein feiner Musiker und ein feiner, verstehender Mensch, der ermutigte ihn und lockte allerlei Zutrauliches und allerlei von dem, was ihn schaffend bewegte, aus ihm heraus. Zweimal besuchte ihn Georg; das dritte Mal wurde er abgewiesen. Der Professor lag krank: überreizte Nerven. Dann reiste er ab, irgendwo nach dem Süden für längere Zeit. Da war Georg wieder allein.

Einmal faßte er sich ein Herz und lud drei Mitstudierende in sein Zimmer ein. Emeritz machte die Hausfrau und trug das kalte Nachtessen auf. Nachher saß sie auf einem Schemel und hörte zu. Ihr Herr spielte wunderschön, sie wußte, daß er das selber gemacht habe, was er spielte. Es wäre vielleicht besser gewesen, er hätte nur einen eingeladen, oder wenigstens nicht den großen, rotbärtigen Schweizer dazu, der mit gekreuzten Armen am Fenster stand und so merkwürdig lächelte. Aber gerade zu dem hatte er so einen besonderen Zug. Er fühlte aber wohl seinen Blick auf sich ruhen, so überlegen oder wie es war. Denn er verwirrte sich, fing an, zu hasten, um fertig zu werden, spielte schließlich so seelenlos, sprang dann auf: Ich bin nicht in der Stimmung, es geht nicht. Dann, unter dem Zwang der ruhig-verwunderten Blicke des Schweizers nahm er sich zusammen und spielte zu Ende.

Nachher, als sie fort waren, — sie hatten noch heftig gestritten — saß Georg am Tisch und sah stumm vor sich hin. Emeritz ging hin und her, räumte ab, blieb wieder wartend stehen. Dann sagte sie: „Heut hab’ ich was gesehen, was Feines.“