„So? Was denn?“ Er sagte es gleichgültig.

„Halt eine Prinzessin in einem rotseidenen Kleid, wissens, drüben in dem Wachsfigurenkabinet. Sie kniet am Boden und ein Räuber steht vor ihr und will sie totschlagen. Sie sieht dem Fräulein Lore gleich, bloß daß das Fräulein Lore lacht und die Prinzessin lacht nicht.“

Das hätte ein andermal gezogen. Sie führten hie und da Gespräche über Lore, deren Bild auf einer braunen Holzkonsole stand, Freude und Lebenslust in den Augen, Sonne in dem ganzen Gesicht.

Heut sah er nur flüchtig auf. Wie konnte man so strahlend aussehen?

Also das war nichts gewesen.

„Der Theodor hat eine Mundharfen ’kriegt,“ setzte Emeritz wieder an. „Er hat gern blasen wollen, so arg gern. Er kann sie aber nicht halten, seine Händ zittern so. Jetzt weint er und hat doch keine Augen. Armer Tropf du, hat der Schneider zu ihm gesagt.“

Da stand er auf und holte das Büblein herüber. So tat er hie und da. Er gab ihm ein Lied und lehrte es zuhören und freute sich, wenn er das lichte Rot der Freude entstehen sah und es störte ihn nicht, wenn ein paarmal die Tür knarrte und noch eins hereinkam. Er, der die reiche Welt hatte ans Herz nehmen wollen, war froh, wenn er ein paar Menschen fand, die er an der Hand nehmen und sie an den „Zeitstrom, der vorüberrauscht“ führen konnte: „Da, hört ihrs? nun horchet mit mir hinein.“ Und obgleich sie nichts von der Kunst wußten oder verstanden, empfingen sie doch eine Ahnung von dem großen Rauschen, das unter der Oberfläche hingeht. Das war ja auch etwas.

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Frühling, kurz nach Ostern. Er war in einer Hauptprobe gewesen, Bach, ein Orgelstück, dann eine Kantate: „Liebster Gott, wann werd’ ich sterben.“ Er war voll davon. Den Klavierauszug trug er unter dem Arm. Als er an der Glastür war, zögerte er. Dann machte er die Tür zu der Schneiderswohnung auf. „Willst du etwas hören, Theodor?“ Das wollte er immer, das war keine Frage. Aber da war auch der Vater und die drei andern Buben und da war Jungfer Roggenbart, die saß und flickte Strümpfe. — Heut sei der Mutter Todestag, sie seien alle in der Kirche gewesen. „Ja, dann kommt nur alle mit herüber.“

Das paßte denn auch vorzüglich für heute. Nicht der Text allein — er sang ihn — die ganze Musik handelte von Sterben und Auferstehen. Aber doch mehr vom Auferstehen. Da lagen die Gräber um die Kirche her, Orgelton kam heraus, aber hier draußen war es auch lebendig. Vögel sangen in den knospenden Zweigen, ein Wind wehte hindurch, es war sicher ein Tag gemeint, wie heute, um Ostern herum. Das lag alles in der Musik, das spürten sie, sie hätten es nicht sagen können. Das lag darin, daß das Leben über den Tod siege. Es war etwas Festliches; es war wie in der Kirche und doch wieder nicht. Es gehörte ihnen so zu eigen, es schwebte nicht in Weihrauchwolken hoch oben, es war hier in der Stube. Es war ihr eigener Herr, der es spielte. Ja, so weit waren sie schon gediehen, daß sie Beschlag auf ihn legten in aller Bescheidenheit und Stille, ohne daß er es wußte.