Im Vertrauen und untereinander gesagt, es kam ihnen ein schönes, festliches Leben vor, das er führte. Wenn er nicht so gut und freundlich gewesen wäre, sie hätten es ihm kaum gegönnt. Sie mußten alle tüchtig arbeiten; er aber, wenn er morgens aus dem Haus ging, hatte er Notenhefte unter dem Arm und wenn er heimkam, machte er auch Musik. Saß er aber still über seinen Büchern, so wußten sie, daß sie ja auch davon handelten, und — ja, manchmal las er in dicken Notenbüchern, wie andere Leute im Gebetbuch. Emerenz wußte es, die war ja am meisten um ihn. So eigentlich geschafft war das nicht. Aber wie gesagt, sie hielten doch viel auf ihn. Abends war er viel aus. Da hörte er wohl auch Musik? Dann, wenn er heimkam, ging er oft noch lang in seiner Stube hin und her, hin und her, das konstatierten sie von rechts und links. Aber warum er es tat, das wußten sie nicht.

Jungfer Roggenbart saß und hatte die Hände gefaltet, denn nun ging das ganze in einen Choral aus. Da ging draußen die Vortür. Emerenz drehte rasch den Kopf. War sie denn nicht geschlossen? Nein; da wurden Männertritte hörbar, jemand räusperte sich, putzte die Füße ab, dann klopfte es. Natürlich, der Herr hörte nichts, er sang und spielte aus Leibeskräften. Der Schneider übernahm es „Herein“ zu rufen und alle hoben erwartungsvoll die Köpfe. Aber als die Tür aufging, da brach ihr Herr auch das Spiel ab, kurz und rasch. „Fritz Hornstein, du, — Mensch, — da steht er auf einmal.“ Er hatte eine Reisetasche umhängen und hatte den großen Filzhut in der Hand. Er sah so kurzsichtig auf die Leute, die Brillengläser waren überlaufen, als er ins Zimmer trat; er nahm die Brille ab und putzte sie. Dann, als er wieder sehen konnte, lachte er mit Mund und Augen. „Du hältst also hier bereits Konzerte? Das geht schnell voran, muß ich sagen. Oder — oder habe ich eine andere Versammlung gestört? Ja, jetzt seh’ ich’s: Du hast es nicht ertragen können, daß du der Theologie den Abschied gabst und fängst nun hier auf eigene Faust an — —,“ „ach laß doch, Fritz. Ich habe diesen Leuten etwas vorgespielt, das ist alles. Es sind gute Leute, feine, sie sind fast wie bei uns daheim.“

Das war ein hohes Lob, das sah Fritz Hornstein ein.

„Ja, dann laß dich nicht stören. Da ist noch ein Sitzplatz, ich höre zu.“ Aber es war gerade aus. Der Schneider nahm sein Büblein auf den Arm, und Jungfer Roggenbart knixte und dann bekam Fritz Hornstein von allen einen Händedruck, eh’ sie gingen. Zuletzt stand noch Emeritz da und machte fragende Augen. Sollte sie das Nachtessen nun dennoch bringen? Es stand schon in der Küche bereit, Tee pflegte Georg sich selbst zu machen.

„Komm her, Emeritz. Siehst du, Fritz, das ist ein verzauberter Vogel, den hab’ ich mir eingefangen, er trägt mir alles, was ich brauche, im Schnabel herbei. Es ist ein Emeritz. Sieht man’s nicht an den Augen?“ Emeritz lachte. Der Gast auch. „Ja, und am Gezwitscher, da kann man’s auch merken.“ „Sie leiht mir ihre Ohren, so oft ich’s brauche; sie kann kritisieren. Mit einem einzigen Seufzer kann sie alles sagen, was sie ausdrücken will, wenn sie mir zugehört hat, je nachdem es ein bedauerlicher, entzückter oder unzufriedener Seufzer ist. — Bring Wein, Emeritz. Ich habe ein paar Flaschen Remstäler, sie haben ihn von daheim geschickt.“ Dann waren die Freunde allein.

„Also so betreibst du deine Studien? Volkskonzerte?“

„Nein, jetzt sei ernsthaft, du. Ich freue mich, daß du da bist. Bist du für länger hier?“

„Für fünf Tage, dies ist der dritte. Ich habe, um es gleich zu sagen, eine kleine Erbschaft gemacht, siebenundvierzig Mark, nachdem die Sporteln abgezogen sind. Nun bin ich daran, sie sofort wieder hinauszubringen. Die Mühe ist nicht so groß, es ist bald geschehen.“

Ja, das wollte Georg Ehrensperger gern glauben. Siebenundvierzig Mark, — er wußte, wie das Geld hier in München davonlief, obgleich er nicht großartig lebte.

„Nein, das ist so: Ich bin Vikar bei einem uralten Pfarrherrn mitten im Schwarzwald, drei Filialdörfer und jedes zwei Stunden vom andern entfernt. — Nicht ganz zwei Stunden, — aber doch, man sieht und hört da nichts von der Welt. Man gibt und gibt aus, den ganzen Winter lang — Unterricht, Krankenbesuche — schließlich war ich so ausgebeutelt wie ein leerer Mehlsack und ging ganz trübselig einher. Vorigen Herbst noch in Tübingen und nun so. Da regt und rührt sich nichts Geistiges. Von was kann man mit den Leuten reden? Und dann, mein alter Herr. Mensch, wie lang ist das her, seit er jung war. Da hatte der aber eine Idee.