‚Sie sollten ein bißchen hinaus, Herr Vikar,‘ sagte er. ‚Nur ein paar Tage. Etwas sehen und hören. Sie werden mir sonst mauderig.‘ Ich — Käfig auf und hinaus. Der alte Herr war einst auch hier in München, als er noch jung war. Er taute plötzlich auf, als er darauf zu reden kam. Alles lag in wohlverschlossenen Schubladen in seinem Gedächtnis aufbewahrt. Nun zog er eine um die andere auf. Ich sage dir, er wurde ganz jung. Ich freue mich geradezu, bis ich es ihm wieder erzählen kann, was ich nun sehe. Ich glaube fast — im Vertrauen gesagt — man bildet sich das so ein bißchen ein, daß unsereiner mit den Alten nichts anzufangen wisse. Schließlich waren sie doch auch einmal jung, nicht?“ Aber Georg Ehrensperger hatte noch nie gemeint, daß mit den Alten nichts anzufangen sei. Davor war der Rektor Cabisius gewesen, und — und die andern alle. Er war eher ein solcher, der mit den Jungen nichts anzufangen wußte.
„Und du,“ fuhr der Gast fort, „seit ich nun hier so herumstreife, geht mir’s sonderbar. In all’ dem Gewimmel und Getriebe seh’ ich mein stilles Dörflein vor mir. Ganz anders als vorher. Als ob mir hier erst die Augen aufgingen, — wie es so daliegt in seiner Wälderstille. Und alles ist so einfach und so lebendig. Wie aus dem Boden gewachsen. Und dann, meine Konfirmanden, es sind helle, aufgeweckte Kinder darunter. Heut, vor mehr als einem Bild, dachte ich, — ich war in beiden Pinakotheken, — da möchtest du deine jungen Leute hinführen. So gänzlich unverbildet wie sie sind. Da merkte ich an mir, daß doch etwas herüber und hinüber geht zwischen ihnen und mir. Ich habe nicht für mich allein genossen; immer fiel mir jemand ein, dem ich dies und jenes erzählen wolle, wann ich heimkomme.
Jetzt sag: Bin ich doch schon verbauert? Oder was ist es? Denn ich glaube, ich freue mich ja wahrhaftig wieder auf mein kleines Nest, so sehr ich alles genieße.“
„Verbauert? Du? Beneiden könnt’ ich dich. Ich, wenn ich dabei geblieben wäre, — eine kleine Landgemeinde, nichts anderes. Ich sage dir, das sogenannte geistige Leben in den Städten, na — ich kann wohl nicht so mitreden; ich bin immer meine eigenen Wege gegangen.“
„Das bist du. Aber nun von dir, Joseph, Träumerseele. Erzähl’ mir von dir, was du schaffst, lebst, liebst. Erzähl’ mit von deinem Schatz, deiner Gertrud. Ich freue mich, daß sie zu dir gehört. Ich weiß nicht, ob ich sie einem andern gönnen möchte. Am Hausweihfest, da hatte ich meine Freude an ihr. Ich dachte: der Ehrensperger, der ist ein Glückskerl. Das geht so sicher neben ihm her, und wenn er hie und da — du nimmst mir das nicht übel — davonläuft und nach farbigen Schmetterlingen hascht — dann ist es immer für ihn da, wenn er zurückkommt. So hat’s nicht jeder.
Mensch, was machst du für ein Gesicht? Hast du eine Erscheinung? Was ist mit dir?“
Gradaus sah Georg Ehrensperger und seine Augen weiteten sich.
War ein Blitz vor ihm niedergefahren? War er bisher blind gewesen? Gertrud — Gertrud? War sie nicht seine Schwester? Nicht sein bester Kamerad? War es möglich, daß sie —? Ach nein, das war es nicht. Oder? Sie war nicht mehr die Alte und er hatte sich viele Gedanken darüber gemacht. War es das? Um Gottes willen. Er atmete hastig auf. Nein — doch? „Nein.“
Das sagte er laut. Er zwang sich zum Lachen. Er lachte hart und kurz auf.
„Diesmal hast du doch nicht recht gesehen, Alter. Gertrud und ich sind wie Geschwister. Sie ist — wir sind nichts weniger als verliebt ineinander. Ha—ha. Und kurz — ich bin — ich dachte, du hättest das gemerkt, mit Lore Maute verlobt, so gut wie verlobt. Ja, eigentlich kann man wohl so sagen. Ich sage es dir, es ist ja natürlich noch in weitem Feld.“