„Was?“ — Der Gast war unsäglich verblüfft. Er konnte es nicht gleich verbergen. Lore? Er kannte sie, das heißt, so flüchtig. Er hatte schon mit ihr getanzt und gelegentlich ein wenig gescherzt. Lore? Ja, aber dann —. Er konnte es nicht lassen, er pfiff leise zwischen den Zähnen.
„Nun, dann verzeih’,“ sagte er trocken. „Das habe ich freilich nicht gewußt.“ Und sonst sagte er nichts.
Da fing Georg Ehrensperger an, eifrig von seinem Leben und von seinen Studien zu erzählen. So still er vorher gewesen war, so lebhaft wurde er nun. Als sollte weder ein Wort noch ein Gedanke mehr dazwischen fallen.
„Das heißt geschafft,“ sagte er, „kann ich dir sagen. Vom Morgen bis zum Abend. Üben, üben, üben. Dann Tonsatz, Kompositionslehre — Selbststudium, so viel dazwischen Platz hat. Abends Konzerte, Opern. Aber es geht mir anders damit, als ich dachte. Mensch, es kann nichts Neues mehr geben. Es ist alles schon da. Größer, gewaltiger, als es noch einer sagen kann. Manchmal ist es mir, als ob das alles, was ich in mir selber hatte, in graue Fernen entschwände. Wo ist es? Was war es nur? Und was bin ich selbst? Ein Zwerg bin ich, der vor lauter Riesen steht.
Als ich noch ein halbwüchsiger Bub war, dann ein Student, da war es mir, als ob ich Erd’ und Himmel in mir trüge und es alles klingen lassen könne. Dann fand ich Lore — und sie mich. Da war alles Jubel und Reigen. Nun muß ich mich da hindurchbeißen, durch all’ das Fremde, und dann versuchen, ob mir noch etwas Eigenes bleibt. Aber,“ er straffte sich unwillkürlich, „das will ich auch.“
Er sah flüchtig nach dem Nebentisch hinüber. Dort lag eine dicke Mappe. Sprach sie nicht laut davon, daß er es tat?
Sein verschwiegenstes Schaffen war darin, aller Jubel und alle Angst und alle auffahrende Ungeduld, alle Hoffnung und alles Streben.
Dort lag die Mappe und rührte sich nicht. Nein, er wollte lieber nichts von ihr erzählen.
„Das will ich auch,“ sagte er nochmals, wie um sich selber zu vergewissern.
„Sie sagen alle: ohne ernstes Studium geht es nicht, ohne Lehrer auch nicht. Also. Obgleich es mir oft ist, als ob es mich arm mache und leer. Denn das ist ja nicht meines, was ich treibe, das ist das der andern. Dann geh’ ich einen Tag lang fort, hinaus, auf den Starnbergersee, nach Nymphenburg, in den Wald, irgendwo, wo ich mich auf mich selbst besinnen kann. Dann hör’ ich es wieder von weitem.“