„Ja, das Kind, das ist noch mein Trost. Ich sag’s alle Tage: Lore, du bist mein Trost, denn ich bin eine verlassene, unglückliche Frau.
Ich bin viel zu ideal, das ist mein Hauptfehler.“
„Ja, aber warum wollen Sie mir keinen Hut mehr machen? Das möcht’ ich wissen.“
Denn die Rektorin war über diesen Punkt noch ebensowenig aufgeklärt, als wir es sind.
„Alles wegen des Kindes, Madam Cabisius. Denn das Kind ist alles, was ich habe, und es soll glücklicher werden, als seine Mutter. Das sag’ ich immer: Lore, du sollst glücklicher werden als ich.
Darum habe ich beschlossen, nach Tübingen zu ziehen. Madam Cabisius müssen nicht denken, daß es um meinetwillen sei. O nein, mir ist alles recht, mir ist’s auch in dieser kleinen Stadt recht, obgleich fast niemand Sinn für den höheren Geschmack hat, außer der Madam Cabisius, und — noch ein paar wenigen.
Aber dort kann ich mich besser aufschwingen. Ich bin so sehr für den Aufschwung. Das sagte schon Maute immer, obgleich ich sonst nicht viel auf seine Meinung gebe: ‚Henriette, du bist viel zu schwunghaft.‘
Er verstand mich nicht. Das hat uns getrennt.
Dort kann ich einen Laden mieten und das bessere Publikum gewinnen. Und vielleicht nehme ich Studenten in möblierte Zimmer, später dann.“ Frau Maute sah in diesem Augenblick außerordentlich schwunghaft aus. Man sah ordentlich ihr Mutterherz durch die Falten ihrer geblumten Bluse scheinen. Denn das mit dem Laden und den möblierten Zimmern geschah ja nur des Kindes wegen, dem ein besseres Los bereitet werden sollte, und dem zuliebe die Mutter sich in jede verlangte Höhe zu schwingen bereit war.
„Mutter, dein Haar,“ sagte Lore leise.