Denn es hatte sich ein dünnes, rotblondes Zöpfchen unter den Spitzen des Morgenhäubchens vorgestohlen und wippte auf der geblumten Bluse auf und nieder, alle schwungvollen Bewegungen seiner Trägerin begleitend.
„O, es ist mir nicht bange,“ sagte Frau Maute, und schob das Zöpfchen wieder an seinen Ort. „Ich kann mit allerlei Leuten verkehren. Wenn ich sonst nichts gelernt hätte, so hätte ich doch das gelernt. Und nun gar mit jungen Leuten. Wenn man selbst Mutter ist und das Leben kennt. Ich werde sie mütterlich beraten, meine Studenten, meine ich. Daran werden Madam Cabisius nicht zweifeln.“ „Madam Cabisius“ hatte wohl so ihre Zweifel, aber diese waren von einer Art, die hier nicht ausgesprochen werden konnte.
Darum schwieg sie darüber und dachte nur im Stillen: „Ich bin froh, daß Gertrud nicht zu studieren hat. Mütterliche Beratung. Ich danke.“ Und dann bot sie ihren grauen Kopf her, um sich das werdende Kunstwerk ausprobieren zu lassen, und sah unter Samt und Spitzen hervor mitleidig auf das junge Kind, das zu seinem Besten an dem Aufschwung der Mutter teilnehmen sollte.
„Soll mich wundern, was sie aus dem Mädchen macht,“ sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Nachhauseweg mit hochgehaltenen Röcken durch den Schmutz der Straßen stieg. „Einreden läßt sich da nichts. Nun ja. Mit ihren Hüten war ich immer zufrieden. Eine gelungene Person, das ist sie. Aber soll mich wundern, was sie aus dem Mädchen macht. Ein feines, kleines Ding ist das.“
Und dann kam ihr mütterliches Herz ins Wallen.
„Ich wollte doch,“ sagte sie, aber sie sprach nicht aus, was sie wollte. Vermutlich war ihr der Wunsch aufgestiegen, das „kleine, feine Ding“ zu behüten. Wovor? Da eilten ihre Gedanken weit voraus.
Aber das war eigentlich nicht ihre Art so. Sie trat fest auf und machte rüstige Schritte, als sie über den gepflasterten Marktplatz ging. „Das lerne ich allmählich von ihm,“ sagte sie entrüstet zu sich selbst, „das Vorausdenken. Aber das ist nichts für mich. Braucht man mich etwa dazu? Ich meine, zur Weltregierung?“ Und sie schüttelte sich wacker unter dem Regenschirm und rief ihre sorgenden Gedanken zur Ordnung. Da kam sie hellen und heiteren Angesichts nach Hause und fand Gertrud, das Mädchen, das ihr zu gelehrt werden wollte, auf dem Treppengeländer reitend, daß die Zöpfe flogen. Sie sagte nichts darüber, wie sie an andern Tagen wohl getan hätte, und wußte auch warum.
Neuntes Kapitel
Kennt ihr das Geschlecht der Sonntagskinder?
Es hat allerlei Namen. Man könnte es auch das Geschlecht der Schauenden nennen, oder der Horchenden.