Es hat eine Gabe mitbekommen, die nicht alle haben, von dem Strom heimlichen Lebens zu wissen, der unter der Oberfläche aller Dinge hingeht. Die dazu gehören, die ahnen die wundersame Schönheit, die in die Welt gelegt ist, und lieben sie und horchen nach ihr hin. Und weil sie sich nach ihr sehnen, die Leben ist und Liebe, Licht, Freude und Werdekraft, so suchen sie sie überall.

Im Grauen des Morgens, in der Glut des Mittags, im Wehen des Windes, im Zirpen der Grille im Grase.

Im Lachen eines Kindes, in einem Männerzorn, in einer jungen, starken Menschenkraft, im Ringen der Leidenschaften, in tausend und tausend Regungen des Lebens vernehmen sie etwas von dem tiefen Grund, aus dem das Leben quillt.

Und wenn ein Klang aus jener verborgenen Welt ihr Ohr streift, dann halten sie den Atem an und horchen still hinein.

Manchem von ihnen ist es gegeben, in Tönen davon zu reden, manchem in Bildern, in der Glut der Farben oder in beredten Linien, manchem in Worten.

Aber nicht allen. Es sind viele, die tragen den empfangenen Glanz still in sich herum und die Welt weiß nichts davon. Oft sind sie arm und unscheinbar, und oft macht sie die innere Fülle ungelenk, steif und wortarm nach außen. Aber was schadet das? Wer ihnen zu rechter Stunde in die Augen sähe, der sähe in einen tiefen See, in dem ein Schatz verborgen liegt.

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Der alte Korbmacher Hollermann war keiner von denen, die die Welt mit Harmonien füllen. Aber seine Seele war voll von einer Musik, die niemand gehört hatte, obgleich an warmen Abenden, wann die Fenster seines Häuschens offen standen, die Töne seiner Flöte, der ererbten Großvatersflöte, über die Äcker hin und über die Landstraße und zu den wenigen Häusern, die hier draußen an der Landstraße standen, hinflogen. Das, was aus der Flöte strömte, das war das, was an die Oberfläche drang. Aber wie wenig war das im Vergleich zum Ganzen. Wenn er so dasaß, mitten zwischen seinen Weidenkörben und Hühnerkäfigen, auf dem niedrigen Drehstuhl und in der grünen Schürze, mit hängenden Schultern und braunen, rissigen Händen, die die Flöte hielten, da sah ihm niemand an, daß er innerlich wunderbare Chöre hörte. Vielleicht waren sie wirklich, vielleicht tönten sie aus irgend einer Welt zu ihm herüber, wer vermag das zu sagen?

Was er hervorbrachte, waren selten so eigentliche Melodien. Es war ein Reden in Tönen, vielleicht auch nur ein Stammeln. Es fragte ihn niemand danach und er sagte es zu niemand. Das heißt, das war seitdem so gewesen. Aber das sollte nun nicht länger so fortgehen. Die Jugend kam zu ihm herein unter das tief herabhängende Dach.

Gertrud kam. Sie war einmal auf einem Spaziergang mit dem Großvater einen Augenblick eingetreten, hatte dem alten Hollermann bei der Arbeit zugesehen, hatte das Wetterhäuschen, aus dem der Kapuziner trat, wenn es schön Wetter wurde, bewundert, und die rankenden Kürbisse an der Hinterwand. Und da es ihr schien, als ob hier noch viel zu bewundern sei, so versprach sie das Wiederkommen. Das hielt sie auch. Als sie hier einigermaßen zu Hause war, brachte sie Georg mit. Der wurde es noch mehr als sie, und noch schneller. Das machte, daß er Meister Hollermanns Flötenspiel gehört hatte. Es war an einem Samstagabend gewesen. Die Kinder hatten über ihren Aufgaben gesessen, bis es dunkeln wollte. Dann hatte sie die Großmutter ins Freie gejagt: „jetzt geht! wollt ihr mir hier versitzen und mit sechzehn Jahren Brillen tragen?“