Nein, das wollten sie nicht. Da gingen sie los. Die beiden Alten wandelten zwischen den Rabatten des Gartens hin und her, und die Kinder machten einen Streifzug. Durch den Baumgarten, da hingen kleine grasgrüne Äpfel in den Zweigen, es gab noch nichts Reifes; über den Lattenzaun, durch den trockenen Burggraben, da kamen sie auf freies Feld.

„Jetzt besuchen wir den alten Hollermann,“ sagte Gertrud. Da liefen sie in langen Sätzen den schmalen Feldweg entlang. Das Korn war noch grün und wogte leise hin und her, eine Blindschleiche glitt über den Weg. In der zitternd warmen Sommerluft summten die Schnaken. Hinter dem Wald ging die Sonne hinunter.

Dann blieben sie stehen. „Horch,“ sagten sie beide. Da schwebte es in der Luft, wie ein süßer Gesang. Und doch wieder anders als ein Gesang. „Jetzt flötet er,“ sagte Gertrud. „Das tut er alles auswendig, so aus sich selber heraus.“ Und dann liefen sie wieder. Es war bezeichnend für Georg, daß er es hübscher fand, außen auf dem Bänkchen neben der Tür zuzuhören, weil er den Flötenbläser nicht kannte, und für Gertrud, daß sie ihn an der Hand hineinzog ohne viel Federlesens. „Da sind wir,“ sagte sie. „Wir wollen zuhören.“

Aber er war es nicht gewöhnt, Zuhörer zu haben. Er setzte die Flöte ab und sah vor Verlegenheit grimmig aus. So lang, bis er in das enttäuschte Gesicht des Buben sah. Es konnte niemand sonst so enttäuscht aussehen. Nun war er hier hereingekommen und gleich hörte das auf, was ihn so herangezogen hatte.

Der alte Hollermann war in Not. Das, was er soeben geblasen hatte, das konnte er jetzt nicht fortsetzen. Davon war ihm der Faden abgeschnitten, und das war auch etwas wie ein Selbstgespräch gewesen. Da besann er sich auf alte, längst gehörte Klänge. Denn er konnte es den Kindern nicht antun, daß er so verstummte, so gern er das getan hätte.

„So, nun merkt auf,“ sagte er. Und spielte ein klingendes, singendes Lied, und dann noch etwas, das tat, wie zwitschernde Vogelstimmen. „Das ist von Mozart,“ sagte er und nickte mit dem Kopf. „Kennt ihr den nicht? Das ist aus der Zauberflöte. Vor zwanzig Jahren hab ich das gehört. Als Mina noch lebte. Ja so, ihr kennt Mina nicht. Sie war in München und dort hörten wir das miteinander. Sie wollte meine Frau werden, aber dann starb sie.“

So, nun war es wohl aus?

Nein, sie kannten Mina nicht. Sie waren nun zwölf und dreizehn Jahre alt, hatten schon vieles gelernt und hatten den starken Trieb, noch viel mehr zu lernen, und hätten am liebsten eines immer dasselbe gelernt, was das andere lernte, obgleich das ja nicht so durchzuführen war.

Sie hatten auch schon von Mozart gehört, wenn auch nicht allzuviel. Aber noch fragten sie nicht viel danach, wer die und jene Musik geschaffen habe. Es mußte nur klingen und singen, das war die Hauptsache.

Es wurde auch rasch vollends dunkel, darum gingen sie nun wieder, hielten einander an der Hand und gingen auf der breiten Landstraße ins Städtchen hinein.