Meister Hollermann saß wieder am Fenster und flötete. Es war jetzt ein leises, weiches Getön. Vielleicht dachte er dabei an Mina und wie sie mit glänzenden Augen neben ihm gesessen hatte jenes einzige Mal, da sie miteinander so im Reich der Töne waren.

Oder vielleicht sah er in die ziehenden Abendwolken und fragte, wohin ihr Geist gegangen sei, damals, als sie an einem schönen Juniabend, einem Abend wie heut, für immer ihre Bügelstähle und ihre Kundenwäsche, ihre kleine trauliche Stube und ihn selbst, der sie so liebte, verlassen hatte.

Die Kinder wußten das nicht. Aber Georg stand plötzlich still und sagte: „ich will noch ein wenig horchen“ und es half nichts, daß Gertrud vor Ungeduld trippelte. Er hatte die Hände in den Taschen und horchte.

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Das war das erste Mal gewesen.

Von da an war der alte Hollermann hie und da genötigt, etwas von dem herauszugeben, was ihn innerlich bewegte.

Er war viel gewandert in seinem Leben, weit umher. Viel erworben hatte er sich nicht. Gerade genug, um das kleine, windschiefe Häuschen kaufen zu können und darin die Korbmacherei zu betreiben. Er flickte die Waschkörbe der Bürgersfrauen und die Marktkörbe der Bauernweiber, und flocht aus Weiden Tragkörbe für die Weingärtner und was so mehr des ländlichen Bedarfs war.

Dabei konnte er die Bilder der weiten Welt an sich vorbeiziehen lassen. Einmal, zu Minas Zeiten, war Aussicht gewesen, daß er sich, wie die Putzmacherin Maute, des Aufschwungs befleißigen werde. Damals lag ihm an einem freundlichen Nest und an Brot für sie beide. Nachher, als sie gestorben war, hatte er keinen solchen Antrieb mehr. Da wurde er mehr und mehr einer der Horchenden. Er ging so still für sich hin. Und als er’s einzurichten wußte, kehrte er in die Heimat zurück und spann sich da in eine eigene, stille und doch belebte Welt ein. Wer konnte wissen, was alles seine schweigsame Seele füllte?

Es war eine kleine Gemeinde von Pietisten im Städtchen. Und weil dabei fromme, eingezogene Leute waren, die sich versammelten, um miteinander übers Evangelium zu reden, so ging er auch hin, denn ihn verlangte nach Gemeinschaft. Aber er sprach nicht ihre Sprache. Sie hatten alle Worte der Bibel so schön genau zurechtgelegt und nun redeten sie über die tiefen Geheimnisse, die in der Offenbarung des Johannes stehen und es war ihnen alles so klar, daß kaum noch etwas zu fragen blieb. Da wurde er noch einsamer; und als sie sagten, nun solle er auch reden, da schüttelte er leise den Kopf.

Der junge Zimmermann Dieterle, der dabei war, der sagte, wenn er darauf zu sprechen kam, daß seine Augen wie in eine unergründliche Tiefe gesehen hätten, „und,“ sagte er, „ich hätte wissen mögen, was er sah, aber er fand das Wort nicht.“