Draußen rief eine helle Stimme seinen Namen. Da tat er einen Ruck und schlüpfte hinaus. Jungfer Liese stand und schüttelte den Kopf, und mit ihr schüttelt ihn vielleicht mancher, der es liest.
Und es ist nur zu hoffen, daß wir zu einer anderen Zeit erfahren, daß noch allerlei Gutes in dieses junge Leben hereinkam, dem es nicht unter den Händen weglief, und daß sich noch andere Hände fanden als die der braven Jungfer Liese, um es ihm darzureichen. Denn es war nicht jedermanns Meinung gleich der ihrigen, daß die Kinder der traurigen Frau, deren Geist hinter schweren Riegeln saß, keinerlei Mangel an irgend einem Gut aufzuweisen hätten.
„Georg,“ rief es noch einmal, „komm schnell, sonst kommen wir zu spät zum Läuten, es muß gleich anfangen.“
„Natürlich,“ sagte Jungfer Liese hinter ihrer Ladentür, „natürlich, ist mir doch das Mädchen, die Gertrud, schon wieder auf der Gasse, und stapft durch den Schnee wie ein Storch, in ihren roten Strümpfen. Und Röcke bis an die Knie, und alles fliegt an ihr, das Haar am meisten. Behüt’ mich. Wenn ich ihre Großmutter wär’.“ Es verlautete auch diesmal nicht alles, was sie zu sagen hatte, vielleicht versagte ihr die Phantasie, wann sie versuchte, sich an die Stelle der Frau Rektorin Cabisius zu versetzen.
Drittes Kapitel
Inzwischen ging die Jugend ihrer Wege und überließ das Alter seinen Betrachtungen.
Es führte eine steile, schmale Gasse gleich hinter dem Bäckerhaus in die sogenannte alte Stadt hinunter, in der die Kirche stand, ein schmuckloses, nüchternes, weißgetünchtes Bauwerk, an dem nur der Turm bemerkenswert war, der, eine viereckige, trotzige Masse, hoch, frei und stark aufstieg und über die nah herangebauten Häuser hinwegragte, wie ein großer Mann über die Menge der Durchschnittsmenschen. Auf der Höhe dieses Turmes, gleich über den Glocken, hauste der Nacht- und Feuerwächter Nössel, der auch zugleich Flickschneider war. Er hatte mehr als die Hälfte seines Lebens dort oben zugebracht. Jetzt war er ein alter Mann. Aber immer noch stieg er zweimal in der Woche seine hundertundfünfzig Treppenstufen hinunter, um die geflickten Gewänder an ihren Ort zu bringen und neue Schäden zur Heilung mit sich hinauf zu nehmen.
Wann er schlief, wußte man nicht so recht. Die Mitbürger hörten, sofern sie nicht im Schlafe lagen, mit Behagen sein halbstündliches, hellbimmelndes Glockenzeichen durch die Nacht klingen und zogen sich getrost die Decke über die Ohren, da ja außer dem Herrn im Himmel auch noch der alte Nössel auf dem Turm über die Sicherheit der Stadt wachte. Am Werktag flickte er die Löcher, die der Kampf ums Dasein in die Gewänder riß, und außerdem besorgte er an Sonn- und Feiertagen und zu den Betzeiten das Läuten der Glocken. Er saß nie unter den Andächtigen in der Kirche, sondern blieb in der Höhe bei den Glocken und streckte seinen grauen Kopf durch ein Mauerloch, das eigens zu diesem Zweck ausgehauen war, fast an der Decke des Kirchenschiffs, der Gemeinde und dem Pfarrer entgegen. Begann der letztere dann das Vaterunser, so verschwand, zur großen Befriedigung der Schuljugend, die hierauf fast mehr achtete als auf das Schlußgebet, der Kopf an der Öffnung und allsogleich begann das Läuten.
Diesem wichtigen und interessanten Mann war der Besuch der Kinder zugedacht, und es war nicht das erste Mal, daß er denselben entgegennahm. Er galt auch nicht ihm allein, sondern ebensowohl der Mitbewohnerin des Turmes, deren Bekanntschaft nicht lang mehr wird auf sich warten lassen, und deren Dasein die freundliche Fülle an lebendigen Gestalten vermehrte, die das Jugendbilderbuch der Kleinstadtkinder aufzuweisen pflegt. „Gehst du mit, Franz?“ fragte Gertrud und pflanzte sich vor dem größeren Nachbarssohn auf. „Dann komm, aber schnell.“ Franz bejahte, um aber schon an der Ecke wieder umzukehren, da ihm, wie er sagte, von Jungfer Liese ein Apfelkrapfen auf die Ofenplatte gelegt sei und derselbe sicherlich jetzt im richtigen Wärmezustand sich befinde.
Georg strebte mit langen Schritten voran; er hörte mit Wohlgefallen das leise Knirschen des leichtgefrorenen Schnees und sah die scharfumrissenen Abdrücke seiner genagelten Schuhe in der reinen weißen Decke; auch trieb ihn die Furcht, zu spät zu dem erwünschten Genuß des Läutens zu kommen, zur Eile. So blieb Gertrud, die sich mit Franz aufgehalten hatte, einen Augenblick zurück, und ihr Spielkamerad sah sich erst mahnend nach ihr um, als sich, aus einem Haus der engen Gasse kommend, ein drittes Kind zu ihr gesellte. Es war ein zierliches, feingebautes Mädchen mit rötlichblondem Haar, das in Locken unter einem hellgrünen Samtmützchen hervorquoll. Auf dem Kragen des weiten und etwas eigenartig zugeschnittenen Mäntelchens lag ein Machwerk von gelblichen Spitzen. Die ganze Erscheinung machte nicht den gewöhnlichen Eindruck, den die Bürgerskinder, auch die bessersituierten, in einem kleinen Städtchen zu machen pflegen.