Das Kind gehörte der Putzmacherin Maute, einer, wie sie selbst von sich sagte, „unglücklichen, verlassenen, aber nicht herabgekommenen Frau, die nur zu gutmütig und zu ideal für diese Welt sei.“ Man war gewöhnt, es in einem etwas ungewöhnlichen Aufputz zu sehen. Und die Leute verziehen die Abweichung von dem allgemeinen Geschmack, da ja die Frau ohnehin weder zu den Vornehmen, noch zu den Geringen so recht gehörte, und da sie mit praktischem Sinn einsahen, daß in einer solchen Hantierung, wie die Putzmacherei, doch immer Reste übrig blieben, die dann das Kind vollends auftrage. Es hieß Lore und war, obgleich im gleichen Alter wie Gertrud, viel kleiner, zarter und zierlicher als diese.

„Komm mit, Lore,“ sagte Gertrud, die eine besondere Vorliebe für alles Feine, Zarte und Schwache hatte und die „die Affenlore“ schon öfters mit Mut gegen die Angriffe der Schulkinder verteidigt hatte. „Darfst du mit auf den Turm? Erlaubt’s deine Mutter?“ Lore nickte glücklich. Sie war so viel allein und mußte sich so oft anders fühlen als die andern, daß sie es als Glück empfand, wenn gute Bürgerskinder sie als eins der ihrigen an sich zogen. Die Frau Putzmacherin nickte mit etwas struppigem Kopf aus dem Fenster, als die Kinder abzogen; Georg blieb stehen und sagte bockig und mit offener Geringschätzung: „Die soll mit? Die hat ja doch Angst vor den steilen Treppen und dann erst noch vor den Glocken.“ Er hatte noch keinen offenen Sinn für die Anmut und schätzte Größe und Kraft mehr als Zierlichkeit. Aber die Kleine wußte sich einzukaufen. Sie zog ein schwarz und weiß geflecktes Kaninchenschwänzchen aus der Manteltasche. „Da, willst du das?“ fragte sie. „Es ist ein Tintenwischer. Ich habe gar keine Angst, die Gertrud hält mich schon.“ Da nahm der Junge das Schwänzchen und dann gingen sie mitsammen durch den Schnee. „Guck einmal,“ sagte Gertrud, „meine Füße sind grad so groß wie die deinen.“ Sie setzte vergnügt ihre breiten, kräftigen Stiefelabdrücke neben die ihres Freundes und verhieß ihm, der es sich auch von ihr gefallen ließ, daß sie immer mit ihm Schritt halten würde und ebenso groß, kräftig und gescheit zu werden gedenke; „oder auch noch ein bißchen mehr,“ setzte sie hinzu, zog aber das letztere willig zurück, als Georg aufzubegehren drohte. Im Grunde war es ihr nur um die keckliche und ungeminderte Kameradschaft zu tun, nicht um den Wettbewerb. Während nun die beiden in gleichem Schritt und Tritt kräftig auszogen, trippelte Lore in ihren Fußtapfen hintendrein, flink und leicht und immer noch einen eigenen, kleinen Fußabdruck in den großen der Vorgänger hineinsetzend und kam so fast mit ihnen und ohne Schaden ihres zierlichen Schuhwerks am Fuß des Turmes an.

„Das ist nun wieder so eine Neujahrsbetrachtung.“ Meister Nössel setzte die Hornbrille mit den runden Gläsern auf und sah zu, wie eins ums andere von den blühenden Kindergesichtern aus dem dunklen, engen Treppenhaus auftauchte und ans Licht des Glockenbodens kam. Und dann wünschten sie ihm ein gutes Neujahr und er nickte ernsthaft und sagte: „Das ist wie eine Neujahrsbetrachtung, sag’ ich. Da kommet ihr so herauf zu mir und stehet da, breit und keck, und seid schon ein Stück ins Leben hineingewachsen und kaum war’s doch, daß ihr hereingekommen seid, in die Welt, mein’ ich, nackt und bloß, wie der Psalmiste sagt. Und vordem sind eure Väter da heraufgestiegen und haben mir am Läuten geholfen, und sind nun schon dahingegangen. Heißt das, deiner nicht, Georg, aber heraufsteigen tut er auch nicht mehr, er ist zu dick dazu. Und deine Mutter sitzt im Dunkeln und muß in Geduld warten, bis ihr Gott wieder das Licht ansteckt, und war ein schönes Mädchen zu ihrer Zeit und mein Sohn hätte sie gern gefreit, aber sie hat ihn nicht genommen. Und so gehen denn die Jahre dahin und man weiß nicht, was noch kommt und ist das Beste, daß unser Herrgott noch immer auf seinem Stuhle sitzt, und wollen wir denn in Gottes Namen ans Läuten gehen, und er walte das zu Anfang, Mittel und Ende.“ Damit nahm er die Brille ab und steckte sie in die Tasche, und seinen jungen Gästen, ob sie ihn gleichwohl nur halb verstanden hatten, war es zu Mute, als ob sie durch die Dachluken hindurch den lieben Gott auf seinem Stuhle sitzen sähen und wie er nun das Zeichen zum Beginn des Läutens gäbe. Sie faßten mit zager Hand nach dem Strick der beiden kleinen Glocken, indeß Meister Nössel die große anzog. Lore drückte sich in die entfernteste Ecke an die Wand. Und dann war es nicht anders, als ob hier oben die Brunnenstube des Zeitstroms sei, und die Wellen kämen aus innerem Trieb zu Tage und strömten über und zu den Schalllöchern hinaus und würden ein Meer und füllten die ganze Welt, und überall müßte man sie rauschen hören, hier oben am lautesten und fernhin leiser und leiser und bis in den Himmel hinein. Und dann schwiegen sie; leise klang noch einmal ein Ton auf, noch einer, dann verzitterte nur noch der Nachhall in der Luft.

„So und nun geht in die Stube hinauf zur Judith und wärmt euch.“ Meister Nössel klappte sein Lädchen an der Mauerluke auf und setzte sich in Positur. Drunten in der Kirche begann die Orgel zu tönen, es flogen einzelne Laute von ihr bis hierher, und dann schwoll der Gemeindegesang, der die Kirche füllte, über, und bis in die Stille hier herauf. Den Kindern war es, als ob er aus einem fernen, unsichtbaren Lande komme, demselben, in das sie vorhin zu sehen meinten, und ihre jungen Seelen regten sich und schwangen leise mit und versuchten, aufzuflattern, als ob sie irgendwo zu Hause wären, nicht hier. Aber sie wußten nicht, wo.

Und dann schlichen sie auf den Zehenspitzen die Treppe hinauf und als Lore einen ungeschickten Tritt auf einen astigen Knorren tat, der mitten auf einer ausgetretenen Stufe hervorsah, denn die Treppe war ihr noch ungewohnt, und es polterte etwas, da gab ihr Georg einen Schubs und sagte leise und eindringlich: „Du Trampelliese.“ Und das Wort war nicht aus einem streitsüchtigen Bubenherzen, sondern aus dem Bedürfnis heraus geboren, daß die Feierlichkeit des eben vergangenen Augenblicks ungestört nachhallen könne, und mangelte nur der Feinheit. Die konnte er sich aber noch erwerben.

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„Da seid ihr denn nun,“ sagte Frau Judith und öffnete ihre Stubentür, daß das helle Licht des Wintertags in breitem Strom aus der lichten Stube auf die dunkle Treppe floß. „Da seid ihr denn wieder einmal heraufgekrabbelt, und wißt ihr auch, wie lang es her ist, seit ihr das letzte Mal hier oben waret? Ganze sechs Wochen ist es her und seither war so viel zu sehen von meinen Fenstern aus, und das ist nun alles vorbei und kommt nicht mehr. Nun mögt ihr hinaussehen, so viel ihr wollt, es ist nur Schnee zu sehen, sonst nichts.“ „Ach, gar,“ sagte Gertrud und lachte ein bißchen unsicher, „laß mal sehen, Frau Judith, es muß doch sonst noch was da sein,“ und sie zog ihren Kameraden, der mit großen, erschrockenen Augen dastand, mit ans Fenster. „Siehst du, du mußts ihr auch nicht immer gleich glauben, Georg,“ rief sie in ausbrechendem Jubel, „da sind alle Häuser und Gassen und der Himmel, und die Raben auf den Bäumen! O, o, Frau Judith, der Großvater sagt’s auch immer, daß man dir nicht alles glauben soll. Und jetzt sagst du gleich, was alles noch zu sehen war, so lang wir nicht hier waren. Komm, Lore, setz’ dich nur hier auf den Schemel und nimm deine Mütze herunter, denn jetzt erzählt Frau Judith so lang fort, daß mans gar nicht sagen kann.“

„So meinst du?“ Frau Judith stand an der Krücke in der Mitte der Stube und ihr breites Gesicht glänzte vor unsäglichem Vergnügen. Sie versuchte vergeblich, zu tun, als ob sie heut nichts wüßte; Georg sah so flehentlich drein und nahm die kleinste Weigerung so ernst, daß ihr das Herz zerschmolz. Und Gertrud pflanzte sich kriegerisch vor ihr auf und ihr ehrliches, rundes Kindergesicht flammte. „So, nun setz’ dich einmal in deinen Stuhl und fang’ an,“ sagte sie. „Du kannst sagen, von was du willst, es wird doch eine Geschichte draus. Und mein Großvater kommt auch nächstens, das hat er noch extra heut morgen gesagt, und dann will er mit dir eine Reise machen, ins Jugendland, hat er gesagt und du wissest schon, wo es liege. Aber das ist ja auch bloß Spaß, du kannst ja gar nicht verreisen. So, jetzt fang an.“

Lore saß ganz still. Die beiden andern waren hier so zu Hause, das konnte sie wohl sehen, sie aber fühlte sich fremd und scheu in ihrem Putz und ihrer ganzen Art. Die Mutter hatte sie heut früh vor den Spiegel gestellt. „Herzig siehst du aus,“ hatte sie gesagt, und noch anderes. Von der Zukunft, und daß Schönheit ein Reichtum sei. Jetzt hätte sie gern den Staatsmantel ausgezogen, wenn nicht darunter ein zerrissenes Werktagskleidchen gewesen wäre.

Da strich ihr plötzlich eine große, weiche Hand sacht und leise über das Haar. Sie duckte sich wie ein Vögelchen unter der ungewohnten Berührung. „Ich kenn’ dich schon, du Kleines,“ sagte Frau Judith. „Bist noch nie bei mir gewesen, gelt. Aber ich kenn’ dich doch. Ich tu’ dir nichts, mußt dich nicht so ducken.“ Und Georg und Gertrud nickten ihr zu: „Sie tut dir nichts, natürlich nicht; mußt dich nicht so ducken,“ sagten ihre Gesichter. Da fing sie plötzlich an zu lachen, und lachte und lachte, und hielt sich die Hände vors Gesicht und die Locken fielen ihr drüber her. Und kein Mensch wußte, warum sie lachte, und sie fragten und fragten, und lachten endlich mit und wußten auch nicht, warum, und als Frau Judith ihr die Hände vom Gesicht zog, da waren sie naß, über und über.