Da kamen die drei den schmalen Feldweg entlang, der auf einer Seite die Hecke hat und an der andern hart an die Kornäcker stößt. Der Rektor Cabisius und die beiden Kinder Georg und Gertrud. Die Kinder gingen voran und gingen eine Weile Hand in Hand. Aber das nicht lange. Der aufgeschossene Junge in schwarzen Konfirmationskleidern, der den Kopf mit dem neuen Hut so steif hielt, als wäre er einzig des Hutes wegen da, der war heut nicht so eigentlich ein Genosse. Der war etwas Besonderes, eine eigene Sorte von Menschen, um und um feierlich. Nach einer Weile machte er seine Hand los und ging aufrecht einher, und das Mädchen bückte sich und brach einige Gänseblümchen und blaue Ehrenpreis. Der Rektor hatte den Hut abgenommen und ließ die starke, lebensvolle Frühlingsluft über seinen grauen Kopf hinspielen. Seine Augen gingen auf eigene Faust spazieren, in die Nähe und in die Weite. Da wurde seine Seele voll von dem frischen Bilde, das durch die hellen Fenster zu ihr hineinschien und sie freute sich dessen und mußte es auch aussprechen.
„Es war ein wunderlicher Krieg
Da Tod und Leben rungen,
Das Leben behielt den Sieg
Und hat den Tod bezwungen.“
Das sagte er leise und zustimmend vor sich hin.
Er hatte das Scharmützel vorhin ernst genommen, das Schneien und Stürmen, und daß nun die Sonne schien.
Aber wir wissen schon, daß er zu denen gehörte, die im Heiteren den Ernst und im Ernst das Frohe finden.
Da, als die drei ein wenig schweigsam dahingingen, ein jedes in seinen Gedanken, hörten sie einen frischen Gesang über die Felder hinschallen, der kam näher und näher.
Die sangen, waren junge Burschen und Mädchen aus dem Weiler Hinkelsbach, die nach ihrer Gewohnheit am Sonntag Nachmittag ein Stück weit in die Felder hinausgingen. Sie gingen zu dreien oder vieren, wie es der Weg erlaubte, und hielten einander lose an den Händen gefaßt, und ihr Lied klang gut zusammen aus frischen Kehlen. Es war eins von den ernsten, traurig-schönen Liedern, die das Volk gerne singt, wenn es fröhlich ist, und handelte von jungem Leben, das in Kampf und Tod geht, von der Schönheit und Kraft, die schnell entschwindet, von der Lust, die ein Ende findet, eh’ man’s denkt, und davon, daß der Mensch sich „still fügen muß, wie Gott es will.“ Die drei blieben stehen und horchten. Da bogen die Sänger ab, gegen den Waldrand hin, und der Schluß ihres Liedes tönte nur noch so verloren herüber.
„— — — und so will ich wacker streiten,
Und soll ich den Tod erleiden
Stirbt ein braver Reitersmann.“
Der Rektor nickte mit dem Kopf und sah eine Weile über das Feld hin, als sähe er den Tönen nach.
„Das ist ein schönes Lied,“ sagte er. „Und ein frommes Lied. Man muß es recht verstehen. Ja, nun seht ihr mich an und wißt es noch nicht. Das kommt noch, später.“