Der Rektor hatte einst in seiner Jugend Theologie studiert. Aber kurz bevor er ins Pfarramt treten sollte, hatte er sich entschlossen, lieber ein Schulmeister zu werden. Denn erstens hatte er sich stark im Verdacht, daß er bei seiner Neigung, innerliche Wahrheiten auf eigene Weise und in eigener Sprache ins Leben zu übersetzen, doch nicht so recht auf die Kanzel passe, und zweitens zog es ihn auch stark zur Jugend. Das hat er nie bereut. Aber etwas war doch an ihm hängen geblieben. Er hatte die Neigung, hie und da eine Predigt zu halten. Er wußte meistens nicht, daß es eine sei, und die ihm zuhörten, wußten es auch nicht. Auch mischte er leicht geistliches und weltliches durcheinander. Er hatte keine Schubfächer in seinem Innern: hie Gott, hie Mensch, hie geistliches, hie weltliches. Es war ihm alles ein Stück Leben, es floß alles aus einer Quelle, groß, schwer und schön. Schlug ein äußeres Geschehen eine innere Saite an, dann ließ er sie klingen. So auch jetzt. Seine Seele war liebender Gedanken voll für die jungen Menschen, die heute gelobt hatten, mit den empfangenen Waffen für das Leben, gegen den Tod, zu streiten. Das Lied brachte ihn zum Überfließen.

„Ja,“ sagte er, „wacker streiten, das ist’s. Das hat Jesus auch getan und ist gestorben als ein Held. Das sollen wir auch tun.“

Und er erzählte ihnen, innere Gedankenreihen zusammenhängend, zuerst von der Schlacht bei Sempach, und von Arnold Struthan von Winkelried. Der war einer seiner Lieblingshelden, obgleich er nicht geschichtlich erwiesen ist.

Die beiden horchten hoch auf.

Wie der starke und treue und kühne Mann sah, daß seinen Genossen der Mut entwich, und wie er beschloß, sie zu retten, und die Speere der Feinde mit den Armen zusammendrückte und sich in die Brust stieß und rief: Brüder, ich will euch eine Gasse machen, und darüber starb. Und wie die Seinen durch die Gasse hindurchbrachen, zur Freiheit.

Als er das erzählte, da blitzten seine Augen, als ob ein starkes, loderndes Feuer dahinter läge.

Und er sagte, daß das Jesus auch getan habe, nicht einigen, nein, allen zuliebe und in einer viel größeren Sache. Wie er die Menschen aus der schmählichen Knechtschaft herausführen wollte und sie wieder zu freien, frohen, adeligen Söhnen Gottes machen, — und wie er, als kein anderer Weg dazu war (denn er warf sein Leben nicht leicht weg), beschloß, sein nicht zu achten um der andern willen. Und ging den Feinden entgegen, und drückte sich die Speere in die Brust, und starb, und machte der Freiheit eine Gasse, größer, als ein anderer Held auf Erden je getan hat. Da sahen die Seinen, daß nichts für sie zu fürchten sei, nicht das Leben und nicht der Tod, und gingen ihm nach. Und, da sie vorher zag und ängstlich gewesen waren, bekamen sie nun mutige Herzen und fröhliche Augen. Das machte, daß sie dem Vater nahe kamen, so nahe, daß sie ihn mit du anreden konnten. Und sie trugen seine Waffen. Georg, man hat dir gesagt, welche das sind. Und sie sahen sich um nach denen, die nach ihnen kamen, die Alten nach den Jungen, die Starken nach den Schwachen, die Reinen nach den Unreinen, und reichten ihnen die Hand, und halfen ihnen, vorwärts zu kommen. Wie sie es ihn, der die Gasse gemacht, hatten tun sehen. Das ist nun bald zwei Jahrtausende her, das strömt noch immer. Das ist ein langer, langer Zug, unabsehbar lang. Der wird strömen, so lang Menschen auf der Erde sind. Seht ihr’s, dazu gehören wir auch.“

Da waren sie eine Weile still und sahen über das Feld hin, als ob sie dort lange, lange, ziehende Menschenheere sähen, von Jahrtausenden her, bis zu ihnen hin. Die trugen alle blitzende Waffen, und reichten einander die Hände und gingen gerade aus, dorthin, wo hinter dem waldigen Berg nun die Sonne niedrig stand und das Land mit einem goldenen Licht segnete. Und sie winkten ihnen mit Augen und Händen: kommt. Da ging etwas Großes durch die Kinder hindurch; sie wußten es aber nicht zu benennen. Es war etwas Gewaltiges, Starkes, das in ihr Leben griff, zu dem sie selbst gehörten, ernst und froh. Leise faßten sie die Hände des alten Mannes, und als sie zu ihm aufsahen, da staunten sie. Der ganze Glanz der Abendsonne, in die er sah, lag auf seinem Gesicht. Aber nun kehrte er sich wieder zu ihnen, und dann gingen sie mitsammen nach Hause.

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Er hatte nicht viel dazu gesagt, als Georg an jenem Tag kam und ihm seine Berufswahl verkündigte. Er fragte ihn auch nicht viel nach den Gründen, die er dazu habe. Das konnte ja noch alles werden, wie es wollte. Ein Wort, ja, am andern Tag, als sie in der Schule Goethes Iphigenie lasen. Da kam es an Georg Ehrensperger, wie Pylades sagt: ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet. —