Eins — zwei — drei — nun schlug die Uhr auf dem Rathaustürmchen aus. Vier Uhr des Morgens.

Ein leichter Windstoß bewegte den offenen Fensterflügel und blähte den dünnen Vorhang ein wenig. Auf dem Dache saß eine Amsel und sang ihr Morgenlied. Nun hallte die Morgenglocke vom Turm her über das Städtchen hin. Bam bam — bam bam — in großen, feierlichen Schlägen.

Die Tauben gurrten am Schlag. Der war dicht neben Georg Ehrenspergers Kammer.

Die Kammer hatte er sich nun vor einem Jahr eingerichtet. Es war eine Rumpelkammer gewesen, ganz voll von altem, verstaubten Geräte, mit einem holperigen, ausgetretenen Fußboden und schadhaftem Kalkbewurf. Es gab bessere Räume im Haus.

Aber er hatte ein paar freie Nachmittage im Schweiß seines Angesichts geschafft, und war am Abend mit Spinnweben im Haar und bestäubten Kleidern heruntergekommen, stolz wie ein König. Nun hatte er ein ganz eigenes Reich, das stattete er sich aus, wie er wollte. Bilderbogen an den Wänden: ein Schlachtenbild, und eine Geschichte von Till Eulenspiegel, und eine von Reinecke Fuchs. Und die Flöte hing an der Wand. Ach, es war viel mehr in der Kammer, als man so mit bloßem Aug sehen konnte. Niemand wußte, wie vielerlei es darin zu sehen gab, als er allein. Gertrud wußte es auch. Aber sie kam nie hier herauf; sie wußte es nur vom Hörensagen. Das allerdings so genau, als ob sie stündlich hier aus- und einginge.

Das ganze Heer der Bubenträume ging durch die Tür herein, die immer knarrte und stöhnte, wann der Wind um den Giebel strich, — und unter der schrägen Wand hin, und flog wieder zu dem hochgelegenen Dachfenster hinaus, über die Häuser und Felder und Höhen, und in die Weite. Das hatte hier oben Raum, sonst nirgends im ganzen Hause.

Der Bewohner der Kammer war schon wach. Als die Glocke anfing zu läuten, stand er auf und trat ans Fenster. Die Morgenluft strich herein und um ihn her; er schauerte ein wenig; es war kühl.

Die Luft war noch ein wenig grau, durchzogen von den letzten, fliehenden Schatten der Dämmerung. Der Marktplatz lag leer und still; der Röhrenbrunnen ließ seine Wasser plätschernd in den großen Trog fallen. Nun ging eine Stalltür. Ein Knecht — der Knecht des Fuhrmanns Rammlinger, der in dem gelben, vorspringenden Haus schräg gegenüber wohnte, — führte zwei schwere, braune Gäule aus dem Stall zur Tränke, an den niedrigen Steintrog, der den Abfluß von dem großen Brunnentrog erhielt. Die Hufe hallten auf dem Steinpflaster, schwerfällig, trab, trab, trab. Man hörte das Schnaufen der Gäule, einer wieherte auf, dann der andere; der Knecht stand stumm dabei. Als sie fertig waren, führte er sie wieder hinein, dann war der Platz still und leer wie vorher.

Nun ein heller, zirpender, zwitschernder Laut.

Eine Schwalbe flog aus dem Nest, das oben an der schrägen Giebelwand klebte, und flog mit schnellem Flügelschlag quer über den Platz hin. Nun kamen sie von da und dort her — da flog eine und da eine; sie setzten sich auf die Telegraphendrähte, die quer über den Platz gespannt waren, von der Posthalterei zum Rathaus, — und von da weiter, irgendwo, in die Welt hinein. Da saßen sie auf den blinkenden Drähten und schwatzten. Sie wollten nun bald fortfliegen, übers Meer, es wurde wieder einmal Herbst. Und sie hatten noch vieles zu beraten. Da waren einige der Führer vom vorigen Jahr nicht mehr da, und es war die Frage, ob sie den Weg auch richtig wüßten. „Ach,“ sagten die einen, „Kinderspiel. Das hat man doch in sich.“ „Der Sehnsucht nach,“ sagte ein Schwalbenjüngling, der am Dachfenster des Mädchenschulhauses groß geworden war. Dort wohnte der jüngste Lehrer, der zu einem dünnen Klavier mit vollem Brustton sang: