„All’ mein Sehnen und Verlangen
Geht, du Wunderland, nach dir.“

Der Schwalbenjüngling wußte nicht, was das für ein Land sei, aber es war anzunehmen, daß sie beide dasselbe meinten, und es gefiel ihm, von der Sehnsucht zu reden, da es eine angenehme, drängende Empfindung war: auf, fort, hinaus.

Einige Schwälbchen zwitscherten leise und ehrfurchtsvoll dazu, andere sagten: „zur Sache,“ und dann wurde das Ganze mehr geschäftlich behandelt, wie es sich für solch ein wichtiges Unternehmen auch gehörte. Darum konnten sie doch danebenher hohe und starke Gefühle haben; ja, das brauchten sie doch. Denn wer will den Flug übers Meer unternehmen, über dräuende Untiefen und in schwindelnde Höhen — der nicht einen großen starken Trieb und ein mächtiges Verlangen hat?

Georg stand eine Weile am Fenster und sah in die lebendige Morgenstille hinein. Es war ihm wohl ähnlich zu Mut wie den Schwalben. Auch er rüstete sich zum Flug. Darum schuf die Morgenfrühe mit ihren wenigen Bildern und Tönen eine große, feierliche Erwartung in seinem fünfzehnjährigen Herzen. Was mochte der Tag bringen? Der heutige, und dann weiter — weit hinaus?

Da lagen die neuen Kleider, lange Beinkleider und eine Joppe. Er war ein junger Mann, als er sie angezogen hatte. Da wurde ihm schon sicherer zu Mute. Es war ja alles klar und ausgemacht. Nun kam er in die große Stadt, da ging er noch drei Jahre aufs Gymnasium. Dann kam die Universität, dann vielleicht einmal ein Militärjahr dazwischen. Dann lag da hinten irgendwo das Leben. Als ob bis dahin ein Fluß sei; dann ein Strom, dann, in grauer Ferne, das Meer. Es war alles ganz gerade und sicher. Es war zwar, das muß gesagt werden, ein Riß in Georgs Vorleben. Gerade in der Geschichte dieses Sommers. Er hatte mit fünf anderen Schülern aus des Rektors Schule, wie es das Herkommen bestimmte, das Landexamen gemacht, um dann durch die Seminarien zu laufen in schöner, glatter Bahn. Aber er war nicht durch das enge Tor gekommen. Er war vielleicht nicht fleißig genug gewesen oder man hatte gerade andere Sachen gefragt, als er wußte. Kurz, er kam nicht hinein. So mußte er denn seinen Weg von den andern scheiden. Einer, der kleine, blonde Ernst Daxer, der Sohn der Postmeisterswitwe aus der Sporengasse, der ging auch mit ihm. Der fand einen Unterschlupf bei Verwandten in Stuttgart. Sonst hätte es seine Mutter nicht an ihn wenden können.

Aber Ernst Daxer war nicht gerade Georgs Höchstes. Er hatte ein weiches, rundes Kindergesicht mit Grübchen in beiden Backen und hatte enge, kurze Hosen. Nichts um sich daran zu erheben, gar nichts Heldenhaftes. Und Fritz Hornstein, der alles hatte, eine tiefe Stimme und alle angehende Männlichkeit in Haltung und Wesen, der war natürlich hineingekommen.

Ja, es war schon ein Riß. Aber der Pfarrersgedanke war nun doch schon genugsam ausgesponnen; er hatte jetzt Lebenskraft genug, um auch ohne solche äußeren Stützen, wie Seminar und Hornstein, fort zu bestehen. Georg wußte, was er zu tun hatte. Er wollte Ernst dahintersetzen. Alle verschwommenen Zukunftsgedanken hatte er weggelegt. Als er sich dessen versichert hatte, ging er aus seiner Kammer und ging die knarrende Stiege hinunter und in die Backstube. Dort setzte er sich auf den Tisch, ließ die langen Beine herabhängen, aß heiße Wecken und mischte in seinem Innern die feierlichen und die behaglichen Gefühle, und es gab eine Mischung, wie man sie am Morgen eines Abschiedstags, früh zwischen vier und fünf Uhr nur verlangen kann.

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Der Abschiedstag schien auch in die Backstube; hinten herein stahl er sich, durch den schmalen Hof, zwischen Holzschuppen und Hauswand, und sah durch das Fenster auf den Buben, der da mit den Füßen baumelte und die Arme gekreuzt hatte: „So, da bist du? Bist mir oben ausgerissen? Aber das hilft dir nichts, denn ich habe auch nicht mehr Stunden als andere Tage, leider, und die Eisenbahn wartet nicht.“

Da fiel es dem Ausreisenden ein, daß er noch viel zu tun habe. Er glitt vom Tisch herab, der Geselle löschte das Gas; Franz ging, vom Kopf bis zu den Füßen mehlbestäubt, in ledernen Schlappschuhen hin und her, und trug das Brot für die Wiblinger, schwarzes und weißes, auf seinen Armen. Jungfer Liese aber füllte die Fächer des Ladens damit.